Gustav so entsetzlich bedrückt gewesen bin. Erna ist ein besonders schwerblütiger, um nicht zu sagen schwermüti­ger und verschlossener Mensch. Sie geht vollkommen in der Führung ihres Haushalts auf, den sie mit peinlicher Ge­wissenhaftigkeit besorgt. So bleibt ihr keine Zeit für an­deres, sie kommt kaum dazu, gelegentlich ein Buch zu lesen. Nie besucht sie Theater oder Konzerte. Sie und ich sind zu verschieden, um uns nahezukommen. Gustav wird ganz von seiner Arbeit im Beruf absorbiert; wenn er heimkommt, ist er todmüde. Der Umgang mit diesen beiden Menschen war nicht dazu angetan, mich, die in der Ruhe und Einsamkeit die Schwere der Erlebnisse, die hinter mir lagen, besonders stark empfand, aufzumuntern und abzulenken. Hinzu kam die völlige Abgeschlossenheit von der übrigen Welt, das Gefühl, wie im Gefängnis zu sein, was die Depression noch verstärkte. Hier ist das alles ganz anders. Ich kann mich frei bewegen, bin keine Last mehr und richte mich an On­kel Karls gütigem, humorvollem Wesen wieder auf.

Übrigens haben wir für alle Fälle noch folgendes mit­einander vereinbart. Falls Schwierigkeiten oder Nachfor­schungen kommen sollten, würden wir erklären, daß Onkel Karl, dem man solche Sonderlichkeiten durchaus zutraut, mich auf der Straße kennengelernt hat. Ich sei gerade von Düsseldorf , von wo ich vor den ständigen Bombar­dierungen floh, in Berlin angekommen und hätte in eine kleine Privatpension in der Motzstraße, nicht weit vom Nollendorfplatz, die mir von früher bekannt war, gehen wollen, hätte mich aber in der durch die Verdunkelung be­dingten Finsternis nicht zurecht finden können. Da hätte ich Onkel Karl mit seinem kleinen Auto halten und aus­steigen sehen und sei an ihn herangetreten, um ihn nach dem Weg in die Motzstraße zu fragen. Er habe mir freundlich angeboten, mich dorthin zu fahren. Unterwegs gab ein Wort das andere. Ich hätte ihm erzählt, daß ich eine Unterkunft suchte, bis ich mich ein wenig erholt und ausgeruht hätte. Da habe er mir dann angeboten, zu ihm

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