nicht nur Alte, die nach Theresienstadt kommen, auch nach Polen gehen die Deportationen weiter. In der letzten Woche verließ uns Frau Dillenius, mit ihr ging Herr Walder, der Pianist, beide nach Polen . Lisel Beer, unsere Geigerin, und unser Cellist kamen nach Theresienstadt. Mit ihnen Stahl und seine Frau, er hat das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Ich war auf ihren Wunsch den letzten Tag mit ihnen zusam- men, ehe sie ins Sammellager nach Milbertshofen gebracht wurden. Ich konnte ihnen beim Packen helfen und ihnen manche nützliche Winke geben. Wie stark schließen doch gemeinsame Arbeit und gemeinsam getragenes Leid zu. sammen! Der Abschied wurde mir unendlich schwer, und ihnen ging es nicht anders!

Aber auch das Ehepaar Schönberg gehörte mit zu diesem Transport. Wie wird ihn die schwerherzkranke Frau über- stehen! Er, der siebzigjährige Baurat, der Erbauer des Deutschen Museums, war bewundernswert gefaßt. Als wir uns verabschiedeten, sagte er:Ich bin viel weniger beunruhigt als damals, da Sie deportiert werden sollten. Wir alle können Ihnen niemals das danken, was Sie für uns getan haben. Was ich gefürchtet hatte, als Frau Schul- mann von uns ging, ist eingetroffen. Noch acht unserer In- sassen, immer solche, die deportiert werden sollten, sind seither still aus dem Leben gegangen. Der Beamte von der Mordkommission der Kriminalpolizei, der nach jedem Selbstmord zur Untersuchung kommen und die Leiche zur Beerdigung freigeben muß, sagte mir beim letzten Mal mit einem etwas mißglückten Versuch zu scherzen:Sie sind mein bester Kunde, Frau Doktor! Aber er wollte damit nur verbergen, daß auch ihn diese sich ständig steigernden Selbstmorde tiefer bewegen, als das sonst der Fall ist.

Vor drei Wochen erreichte mich aus Lissabon nach langer Zeit wieder eine Nachricht von Dir. Du fragtest darin etwas vorsichtig und verklausuliert und nur für mich verständlich, ob ich nicht versuchen wolle, mich allen schlimmen Weiterungen durch die Flucht zu entziehen. Ich

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