Wie träumend ging ich durch die so oft von mir durch­eilten Straßen bis zum Bürohaus in der Lindwurmstraße, und drinnen fand ich als erste meine treue Emmy K., mit der ich so lange und gut zusammengearbeitet hatte. Sie sprang erregt von ihrem Stuhl in der Telephonzentrale auf, die sie bediente. Die Zeit, da am Sabbath nicht gearbeitet wurde, war lange vorbei, diese Vorrechte hatte die Widen­mayerstraße längst kassiert.- Emmy stürzte auf mich zu; mit Tränen in den Augen schüttelte sie mir die Hand. ,, Ich muß die anderen rufen, alle wollen Sie begrüßen!" Und dann kamen sie nacheinander, mit Freudenrufen, je nach ihrem Temperament verschieden, und ich merkte zum ersten Mal deutlich, daß sie mich betrachteten wie einen, der, zum Hängen bestimmt, schon den Strick um den Hals hatte und im Augenblick, da er festgezogen werden soll, auf den Ruf des einhaltgebietenden Boten mit Hilfe des Henkers den Kopf wieder aus der Schlinge zieht. Auch in der Kleiderkammer war es ähnlich. Ich suchte mir etwas Wäsche und ein Kleid aus, was alles mir aber erst gebracht werden sollte, wenn ich sicheren Bescheid hatte, daß ich meinen Koffer nicht wiederbekäme.

Am Nachmittag besuchten mich Tilla und Annemarie, die Getreuen, mit ihnen hatte ich ein paar schöne stille Stunden.

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Ostersonntag! Auferstehungstag! War es nicht etwas wie eine Auferstehung, die ich selbst erfuhr?! Hatte ich nicht wirklich mit allem, was mir sonst lieb und teuer ge­wesen war, abgeschlossen, um mit den Gefährten in den Abgrund zu steigen, der Deportation heißt?! Warum war ich plötzlich zurückgeholt worden, da mein Fuß schon den ersten Schritt in die Tiefe tun wollte? Bedeutete das nicht Auftrag und Verpflichtung in einem besonderen Maße? Ja, ich war sicher, daß es das heißen sollte, und ich war ge­willt, diese Verpflichtung zu erfüllen, so gut, wie ich es mit meinen Kräften nur irgend konnte, und die Erinnerung an die, die gegangen waren bei der ersten Deportation im

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