giös völlig indifferent war und ist und von der jüdischen Religion keine Ahnung hat. Auch sie ist freundlich und sympathisch, Anfang der Dreißiger, wie ,, Klein- Erna", und mit ihr befreundet.
Unsere Jüngste, deshalb auch ,, Baby" genannt, stand gleichfalls dem Judentum und den jüdischen Menschen. fern. Ihr Vater, Halbjude, ein tüchtiger Arzt, leitete viele Jahre ein Sanatorium in Ebenhausen, er ist nicht mehr am Leben. Ihre Mutter, Volljüdin, lebt mit ihr zusammen. Die Eltern sind getauft, wie sie auch. Sie sieht rein ,, arisch" aus, hellblond, mit blauen Augen, ohne irgendein sogenanntes jüdisches Rassenkennzeichen. Diese fehlen nicht ganz bei der letzten unserer Gruppe, der Frau Irma, Witwe eines vor Jahren gestorbenen jüdischen Zahnarztes.
Ich bin gespannt, wie lange ich die Arbeit mit meinem linken Arm werde machen können. Das Zurechtrücken und Glattstoßen der ziemlich schweren Flachsbündel erfordert. die Kräfte beider Arme und kann unmöglich mit nur einem bewältigt werden. Schon nach den dreieinhalb Tagen Arbeit spüre ich zeitweise die unangenehmen Nervenschmerzen, die sich immer nach einer Ueberanstrengung zeigen.
Gestern nachmittag war ich zu unserem ersten Vorsitzenden, Direktor Stahl und seiner mir sehr sympathischen Gattin zum Kaffee eingeladen. Sie wollten gern von meinen Erfahrungen vom Lohhof hören. Dann erzählte er mir, daß die Widenmayerstraße neben den Baracken in Milberts hofen , die immer stärker belegt werden, noch ein zweites jüdisches Lager plane. Man wolle den katholischen Krankenschwestern vom Vincentinerinnenorden, die draußen in Berg a. Laim, auch einem Vorort von München , ihr Kloster haben und vor drei Jahren im Klostergarten ein neues Heim für alte und kranke Schwestern erbaut hatten, von diesem Heim zwei Stockwerke fortnehmen und Juden dort unterbringen. In den nächsten Tagen soll sich entscheiden, ob dieser Plan Wirklichkeit wird. Dann müßten Wascheinrichtungen geschaffen, im Souterrain Küche und Speise
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