halten, und der uns bald wie mit einer grauen Schicht ganz bedeckt, ist sehr unangenehm. Am schwersten aber ist das dauernde Stehen in der glühenden Sonnenhitze zu ertragen. Ich bekam trotz sorgfältigen Einölens schon am ersten Tage an den Armen und im Nacken einen scheußlichen Sonnenbrand, der mich immer noch quält.

Mittags ist eine Pause von dreiviertel Stunden, die ich mit meinen Kameradinnen auf einem der im Abbau be- griffenen großen Flachsstapel im Schatten zubringe. Eine von uns geht zum Wärterhäuschen am Eingang, um von der Frau des Wärters herrlich gekühlte Magermilch in Bierflaschen zu erstehen. Die Hitze und der Staub erzeugen einen quälenden Durst, der durch die Milch zwar nicht gänzlich gelöscht, aber doch sehr gelindert wird. In dieser Pause, die nur zu schnell zu Ende ist, lerne ich auch meine Kolleginnen besser kennen.

Da ist die Frau eines früheren Bankdirektors, die mir besonders gut gefällt mit ihrer gleichmäßig heiteren, freund- lichen und gefälligen Art. Neben ihr sitztTante Julchen, wie sie von allen genannt wird, ein Fräulein H., etwa _ fünfundvierzig Jahre alt, klug und mit einem trockenen Humor, mit dem sie uns oftmals zum Lachen bringt. Lustig ist auchKlein-Erna, so genannt nach der Sammlung von Hamburger Witzen, die unter diesem Titel erschienen sind, und aus denen sie gelegentlich den einen oder anderen zum besten gibt. Sie ist eine fromme Christin, ihr Vater starb, als sie noch ganz klein war. Die Mutter heiratete dann einen Major, also einenArier, an demKlein-Erna sehr hängt. Sie führte bisher den Eltern den Haushalt, da ihre Mutter leidend ist. Sie stand den Juden und allem, was ihnen in den letzten Jahren geschah, ganz fern, bis der Obersturmführer Muggler sie vor zwei Monaten bestellte und zur Arbeit nach Lohhof schickte. Achnlich liegen die Dinge noch bei zwei anderen, der Frau Brand, die Mischling ist, aber von den Eltern in die jüdische Kultus- gemeinde als Mitglied eingetragen wurde, obwohl sie reli-

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