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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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nicht scharf umrissen werden können, wenn klügelnde Verstandesmenschen

sie belächeln und lebensfremde Philosophen, deren ewigen Wert mißachtend, sich von ihnen lossagen: der unverbildete Mensch fühlt ohne weiteres, wer gut und böse handelt, wenn er zum Beispiel ein Bühnenstück der großen Menschengestalter Shakespeare , Calderon, Moliere , Schiller und anderer auf sich wirken läßt, und ebenso, wenn er mit kindlich-unbefangenem Gemüt, gesunden Sinnen und ehrlichem Wollen das gewaltigste aller Dramen, das Miteinanderleben der Menschen hier auf dieser Erde betrachtet.

Ich glaube, in meinem Bericht hier jedem deutlich gezeigt zu haben, wer gut und böse handelte, unbeeinträchtigt davon, ob die Betreffenden Beamten - uniform trugen oder in jämmerlichen, schmutzigen Lumpen einherliefen, ob sie Macht und Geltung hatten oder erbärmlich hilflose Gefangene waren.

Darin erblicke ich eines der Übel, die zu den gegenwärtigen unerträg- lichen Zuständen geführt haben: wir alle lassen uns bei unserem Urteil über Mitmenschen von Äußerlichkeiten leiten und geraten zu leicht in die Ge- fahr des Verallgemeinerns. Es ist eigentlich lächerlich, die folgende Binsen- wahrheit auszusprechen, und doch halte ich es für notwendig: ob ein Mensch gut oder böse ist, erkennt man nicht an irgend einer Uniform oder sonstigen Kleidung, nicht an dem Abzeichen einer Partei oder Organisation und auch nicht daran, ob er in diesem oder jenem Lande geboren ist, dieser oder jener Rasse angehört. Man muß/immer unvoreingenommen den Menschen rein als solchen auf sich wirken lassen und darf ihn nur nach seinen Taten rich- ten. Das allein ist gerecht. Allerdings erfordert es einige Mühe, setzt ehr- liches Wollen und Lebenserfahrung voraus.

Verantwortungslose Hetzer und Volksverführer freilich wollen davon nichts wissen. Deshalb ist ihnen auch die unreife, leichtfertige Jugend lieber als das erfahrene, bedächtige Alter; die mitreißende aber kurzlebige Rede

in Massenversammlungen lieber, als die langsam eindringende, aber nach-

. haltigere Wirkung des Buches eines ernsten, unparteiischen Denkers; blindes

Verallgemeinern im Haß lieber, als sorgfältiges Abwägen jeden Falles und gewissenhaftes Gerechtwerden jedes Menschen. Welche Welt damit ge- schaffen wird ja, das sollten wir nun eigentlich genügend kennen gelernt haben!

Mir erzählte einmal ein Soldat des ersten Weltkrieges, der in englische Gefangenschaft geraten war, daß der englische Lagerkommandant in ge- brochenem Deutsch eine Ansprache an die Gefangenen gerichtet habe, die

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