Das alles mußte ich noch einmal überdenken, während ich dem Gefängnis zuschritt. Dort konnte ich jetzt die breite Haupttreppe hinaufgehen; als Gefangene wurden wir immer den schmalen, schwer verschlossenen Hintergang hinunter- und heraufgeführt. Wie bei meiner Einlieferung stand ich droben wieder vor dem bis hinauf zur Decke mit Eisenstäben vergitterten Eingang, der den Eindruck machte, als befände man sich vor einem Raubtierkäfig.
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Ein Zufall nein, ich will diesen lächerlichen Ausdruck nach dem Erlebnis der fünfzehn Tage noch weniger gebrauchen als früher die Bestimmung wollte es, daß mir der sympathische Wachtmeister auf mein Läuten öffnete, der mich seinerzeit aufgenommen hatte.
Schon durch das Gitter sah ich, wie er sich freute, mich außerhalb der Gitterstäbe zu sehen. Der Brief von der Gestapo bestätigte ihm, daß ich entlassen sei.
Aus meiner Zelle waren noch verschiedene, mir noch gehörende Gegenstände zu holen. Der Wachtmeister öffnete mir. Da standen sie wieder, die armen Zellengenossen, vorschriftsmäßig in zwei Gliedern nebeneinander, als wollten sie mir zum Abschied noch einmal eine Ehrenfront bilden, wie damals bei meiner Einlieferung. Doch inzwischen waren es andere Gestalten und Gesichter geworden.
, Der böse Traum ist aus. Es geht heim", sagte ich beim Eintreten. Sie alle streckten mir die Hände entgegen. Der gütige Wachtmeister an der Tür ließ es zu, daß ich jedem zum Abschied die Hand drückte; bei einem andern wäre das unmöglich gewesen. Möge auch euch bald die Freiheit werden! Dir, du junger, standhafter Bibelforscher; dir, du Bauer, der du dich in einer schwachen Stunde mit der verführerischen Polin eingelassen hast; dir du armer, kranker Alter; dir du ehemaliger Fremdenlegionär; euch anderen allen, die ihr kaum schlechter seid, als so mancher von denen, Da die euch hier einsperren und draußen in Amt und Würden sitzen. habe ich noch etwas Brot. Teilt es euch!"
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Im Flur draußen kam ich mit dem Wachtmeister noch einmal ins Gespräch über die Zustände in diesem Gefängnis, während im Nebenraum ein anderer Beamter meine mir bei der Einlieferung abgenommenen Sachen hervorsuchte. Der Wachtmeister sagte zu mir:„ Ich behandle jeden hier als Mensch, auch wenn ich weiß, daß er ein Verbrecher ist. Dafür muß er ja seine Strafe verbüßen." Daß das keine Unwahrheit war, hatte ich genügend
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