Der andere Neue war eine weniger vertrauenerweckende Gestalt, als jener Bauer, aber ein kluger Kopf, der in der Welt umhergekommen war und fesselnd zu erzählen wußte, so daß der Vormittag schnell verrann. Es war ein ehemaliger Fremdenlegionär. Warum er als Deutscher seinerzeit in die Fremdenlegion gegangen war, verschwieg er uns. In Marokko hatte er sich mit einer französischen Jüdin verheiratet. Mit ihr zog er später nach Paris , wo sie, wie er uns sagte, friedlich lebten. Sie hatten fünf Kinder.
Er war als staatenlos erklärt worden. Als die Deutschen im Sommer 1940 Paris besetzten, dauerte es nicht lange, bis sie ihn verhafteten. Er mußte einige Monate im berüchtigten Moor arbeiten. dann kam er in das Zuchthaus nach Bruchsal . Von dort war er gestern mit einem Transport hierher gebracht worden. Nun soll er in das Lager nach Narzweiler kommen. Wie lange, das weiß natürlich wieder kein Mensch. Von seiner Familie hat er seit seiner Verhaftung in Paris nichts mehr gehört.
Sicherlich hatte dieser Mann von früher her Einiges auf dem Kerbholz, weshalb er sich damals auch in die Fremdenlegion geflüchtet hatte. Es lag in seinem Gesicht etwas Finsteres, Abstoßendes. Aber was er uns über sein Schicksal in den letzten Jahren sagte, machte nicht den Eindruck, als ob es erfunden oder viel dazu gelogen sei. Wie bei Rößler, so empörte es mich auch hier, daß man ihn jetzt noch auf unbestimmte Zeit in einem Lager festhalten will, von dem es heißt, dort sei es schlimmer als im Zuchthaus.
Ich hatte jetzt übergenug von allen diesen Eindrücken und Erlebnissen hier im Gefängnis. Auch vom Standpunkt des Wißbegierigen und Beobachters aus genügte es mir vollauf. Was konnte auch noch wesentlich Neues kommen? Die zwei Wochen, die ich nunmehr da war, haben mir einen ungeahnt guten Ausschnitt vom Leben in einem Gefängnis des gelobten Reiches Adolf Hitlers gegeben. Und was ich an Menschen und Menschenschicksalen in dieser Zeit kennen gelernt habe, das war vielseitiger, fesselnder und erschütternder als ich je zuvor für möglich gehalten hätte.
Heute war Freitag, der 3. Dezember. Vielleicht kann ich doch bis Sonntag wieder daheim sein. Meine Gedanken beschäftigten sich an jenem Vormittag immer wieder damit und nahmen mir die Ruhe, wie nie zuvor. Tausendmal vergegenwärtigte ich mir voll freudiger Hoffnung, wie zuversichtlich B. und sein Kollege J. gesprochen hatten. Allerdings genau wußten auch sie nicht, wie der Chef in diesem Falle entscheiden würde, das hatte ich gemerkt. Er braucht sich ja nur mit der Bezeichnung„ Richter und Henker" persönlich
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