Glück einer von den Wachtmeistern, die in solchen Sachen wenigstens etwas zugänglich sind. Bei O. hätte ich kaum den Mund aufmachen dürfen; mit der Sicherheit einer im unabänderlich gleichen Gang laufenden Maschine wäre ich wiederum zur Gestapo gebracht worden.
Wir hatten in der Zelle während meiner Abwesenheit gestern noch einige Zugänge bekommen, die hier erwähnenswert sein dürften. Der eine war ein Bauer aus dem schwäbischen Oberland. Nicht mehr der Jüngste. So etwa um die Fünfzig herum. Die Haare schon leicht ergraut.
Er hatte es sich wohl auch nicht träumen lassen, daß er in seinem Leben noch einmal als Verbrecher behandelt würde und eine Zeitlang die Freiheit nur durch ein vergittertes Fenster sehen kann. Eine junge, hübsche Polin, die bei ihm arbeitete, war sein Unglück. Längere Zeit hat er ein Verhältnis mit ihr gehabt, bis es schließlich durch ihre Schwätzereien seine anderen Arbeiterinnen erfuhren. Dann dauerte es natürlich nicht mehr lange, bis der ganze Ort davon sprach. Die Parteileitung sorgte dafür, daß er festgenommen wurde. Nun müssen sie daheim sehen, wie sie ohne ihn das große Gut bewirtschaften. Seine Frau habe ihm verziehen, sagte er mir, aber vor seinen vier Kindern schäme er sich. Es sei ihm selbst unbegreiflich, wie er so schwach hatte werden können.
Wieder mußte ich denken, wie am Vortag bei dem Polen , der umgekehrt sich mit einer deutschen Frau eingelassen hatte: was hat sich die Polizei hierum zu kümmern? Ist die Schande und das Unglück nicht Strafe genug für den Mann, wenn jetzt der ganze Ort davon spricht und sein Familienleben zerrüttet ist? Da schreit man immer wieder vom totalen Kriegseinsatz, von der Kostbarkeit jeder Arbeitsminute, und hier läßt man einen gesunden, kräftigen Bauer wegen einer rein privaten Verfehlung untätig sitzen; ParteiInstanzen und Polizei verbrauchen in dieser Angelegenheit Zeit, Mühe und viel Papier, die anderen, kriegswichtigen Aufgaben verloren gehen. Ist das nicht fahrlässiges Arbeitsvergehen der hierfür Verantwortlichen? Sie gehören bestraft.
Die Gestapo hat dem Bauer bei seiner Vernehmung übrigens wissen lassen, daß es nicht schlimm für ihn werde, da er sich nicht gegen die Nürnberger Rassengesetze vergangen habe. Wozu dann erst den Aufwand? Hätte es aber der Teufel gewollt, daß jene verführerische Polin keine arische Großmutter hatte, dann wäre der arme Mann wohl wegen Rassenschande mit Zuchthaus bestraft worden. O, heiliges, neudeutsches Recht!
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