Gefängniszelle„ganz plötzlich“ blind geworden sei. Als die beiden dann zum Verhör geholt wurden, sagte der Beamte laut und scharf, man werde ihm schon das Sehen wieder beibringen. Zu Mittag, als wir herausgeholt wurden, hörte ich, wie der Empfangschef droben zu einem anderen Mann von der Gestapo sagte, daß der„Blinde“ Zigarettenstummel auf dem Boden ganz gut sehe; sobald er sich unbeobachtet glaube, bücke er sich danach. Der Kerl simuliert also. Die Menschen kommen in ihrer Verzweiflung auf alles.
Überhaupt war die Gesellschaft heute in der Zelle hier durchweg nicht angenehm. Zum Unglück kamen noch einige dazu. Wir waren schließlich zehn Mann in der kleinen Zelle, die keine rechte Lüftung hatte. Der Luft- verbesserer kam gegen die Ausdünstung der Gefangenen nicht auf. Dazu machte die Zentralheizung die Luft noch trocken und ungesund. Einer der Gefangenen mußte austreten und drückte auf den Signalknopf neben der Tür. Doch niemand kam und öffnete ihm.
Mir wurde immer unbehaglicher. Viel lieber wäre ich jetzt drüben in unserer Gefängniszelle. Dort konnte man wenigstens ab und zu das Fenster öffnen, hatte auch bessere Gesellschaft.— Nein, einen Gefallen haben mir die Herren droben nicht damit getan, daß sie mich herüberholten. Aber sie hatten es gut gemeint.
Einer der jungen Franzosen, der meinen Unwillen merkte, als ich mit diesen Gedanken auf und ab lief, sprach mich an:„Haben Sie Hunger?— Wir nicht Hunger. Schön in Deutschland ! Alles sauber!“ Dabei sah er an den gut verputzten Wänden der Zelle empor.
Ach, ich verstand die Ironie dieses Menschen nur zu gut. Wahrscheinlich würde ich in Frankreich ähnlich sprechen, wenn ich umgekehrt dort unter solchen Umständen mit Franzosen in einer Zelle wäre. So war es das Klügste, zu schweigen.
Als dann später ein Mann im weißen Kittel öffnete, um einen herauszu- holen— es war der Fotograf des Hauses— bat ich ihn, mich in eine andere Zelle zu tun, da ich der einzige Deutsche unter Ausländern sei. Er nahm mich daraufhin heraus und schloß die mittlere Zelle auf, die einzige, die noch in Betracht kam, denn in der dritten Zelle waren ja Frauen.
Beim Öffnen der Tür sprangen drinnen zwei baumlange Russen in schwe- ren Mänteln und Pelzmützen von ihrer Bank hoch. Wie mächtige Bären sahen sie aus. Erschrocken taumelte ich zurück. Nein, lieber wieder in Zelle
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