Zu meinem Leidwesen holte man mich am nächsten Tag schon morgens heraus, als der Transport für die Gestapo zusammengestellt wurde. Ich erlaubte mir, den betreffenden Wachtmeister darauf hinzuweisen, daß ich erst nachmittags bestellt sei, da mein Sachbearbeiter am Vormittag gar nicht da sei. Aber das wollte der Mann nicht wissen: er hatte den kleinen Zettel von B. in der Hand, auf ihm stand groß und deutlich mein Name. Genau hinzusehen und den Vermerk zu lesen: vierzehn Uhr, das ist von diesem sturen Menschen wohl schon zuviel verlangt. Bisher war es wahrscheinlich noch nicht vorgekommen, daß man morgens schon Bestellungen für den Nachmittag vorliegen hatte.
Also steige ich wieder einmal in den Gefangenen- Wagen. Einen Teil der mitfahrenden Ausländer kenne ich nun schon: einige kommen fast jeden Tag zur Vernehmung hinüber. Meist aber sind es doch immer wieder neue Gesichter.
Da B., wie er schon angekündigt hatte, am Vormittag nicht im GestapoGebäude war, kam auf den Anruf des„, Empfangschefs" hin J., der Zimmergenosse von B. herunter, um mich zu holen. Als wir draußen in der Halle allein waren, sprach er zu mir einige bedauernde Worte, daß man mich drüben versehentlich schon jetzt am Vormittag herübergebracht habe; und er ließ merken, wie unangenehm es ihm war, mich in den Bunker sperren zu müssen.„ Es ist ziemlich sicher damit zu rechnen, daß Sie entlassen werden, sobald der Chef zurückkommt", bemerkte er noch, um mich zu trösten. Ich fühlte mich daraufhin meinerseits bewogen, den Mann zu beruhigen, tat deshalb so, als ob es mir gar nichts ausmache, die Zeit hier im Bunker verbringen zu müssen und sagte unter anderem, daß ich Zeitschriften in der Tasche hätte, mir also die Zeit mit Lesen vertreiben könne. So trösteten wir uns gegenseitig, während wir in den Keller hinuntergingen. Dort stellten wir fest, daß die ersten beiden Zellen schon mit Ausländern belegt waren. J. tat mich daraufhin in die dritte und letzte Zelle. Sie war noch frei.
Nicht lange jedoch sollte ich hier bleiben. Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein, da öffnete der barsche Empfangschef von droben die Tür: ,, Raus! Die Zelle ist für Weiber."
Er steckte zwei Frauen hinein. Ich kam wieder in die erste, mir nun schon gut bekannte Zelle zu den anderen Gefangenen. Es waren Polen und Fran zosen . Ein Franzose, der mit geschlossenen Augen auf der Bank saß, war blind, oder stellte sich so. Ich erfuhr von seinem Begleiter, daß er in der
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