das Vorhaben mit dem Brief an meine Frau klappte. Der Wachposten hatte Wort gehalten und mir einen Umschlag mitgebracht. Ohne Bedenken erklärte er sich bereit, den Brief in einen Postkasten zu werfen und noch eine Marke zu stiften, obwohl das letzte wirklich nicht nötig gewesen wäre; meine Frau hätte in diesem Fall natürlich gern Strafporto bezahlt.
Am Nachmittag nahm der mitfühlende Polizeimeister Taube und mich mit in seine Bude, wo ein ordentlicher Ofen brannte. Wir unterhielten uns mit ihm und einigen Wachposten über den Krieg und andere Dinge. Begeistert waren alle die Polizeileute hier nicht über das gelobte Dritte Reich, das hörten wir heraus, wenn sie auch mit ihren Äußerungen begreiflicherweise vorsichtig waren.
Vor dem Abrücken vom Bauplatz verteilte der Zugführer wiederum einen Sack voll Äpfel an die Gefangenen. Abends, in der dunklen Zelle wieder angekommen, teilten uns die Zellengenossen sogleich die wichtigste Neuigkeit mit: Jentsch, der seltsamste von allen, war am Vormittag weggeholt worden. Auch der blasse, junge Pole, der nun schon seit fünf Wochen in dieser Zelle war, ohne daß man ihn einmal richtig vernommen hatte, war unerwartet weggekommen, vielleicht entlassen, vielleicht in ein anderes Gefängnis.
Am nächsten Morgen mußten wir in der gleichen Weise zur Arbeit ausrücken. Die Gestapo hatte auf unseren Zettel nichts hören lassen. Wer weiß, so dachte ich, ob er von hier überhaupt weitergegeben worden ist. Und wenn schon wird man drüben auf einen solchen eng bekritzelten Fetzen Papier von Gefangenen überhaupt reagieren?
Zum Glück war das Wetter heute, am Dienstag, wieder besser. Der Boden auf dem Bauplatz war zwar nach wie vor glitschig und lehmig, aber von oben blieb es diesmal wenigstens trocken. So konnte einigermaßen gearbeitet werden.
Am Nachmittag kam hoher Besuch: ein Polizeihauptmann, der einen ganzen Stab von anderen höheren Polizeibeamten mitbrachte. Sie hatten große Besprechung mit unserem Polizeimeister und Zugwachtmeister. Dann war gemeinsamer Rundgang und Besichtigung der Arbeit. Die fremdländischen Arbeiter scherten sich den Teufel um diese hohen Herren, arbeiteten nicht mehr und nicht weniger als sonst. Ich weiß vom Militär her, daß man bei solchen Besichtigungen wenigstens so tun muß, als ob. Geschäftig lief ich deshalb auf dem aufgeweichten Boden mit meinem Zollstock hin
126


