erlöst. Eine schwere Gewissensfrage bleibt eine solche Tat freilich immer für den betreffenden Arzt. Bekanntgeworden ist die Antwort, mit der sich Desgenettes in Syrien dem Befehl Napoleons widersetzte, den zurückgelassenen Pestkranken Opium zu geben, damit sie nicht in die Hände der grausamen Türken fielen:„ Mein Handwerk ist es, die Menschen zu heilen, nicht sie zu töten."
Mit der christlichen Anschauung steht es auf jeden Fall im Widerspruch, einem Menschen bewußt das Leben zu nehmen. Aber dieser ganze Krieg ist ja eine höchst unchristliche Sache. Und was fragte der Staat Adolf Hitlers schon viel danach, ob ein Arzt oder Beamter religiöse Hemmungen hat?
Weder christlich noch menschlich war aber vor allem die grausame Handlungsweise, den Alten hier in dieser erbärmlichen Zelle mitleidlos mit seiner schweren Krankheit sich selbst zu überlassen, bis er nach Dachau überführt werden konnte. Keine schmerzlindernden Tabletten noch sonst irgend ein Medikament hatte man für ihn.
Regelmäßig bekam er nachmittags seine Kolikanfälle, so daß man jedesmal, wenn er sich vor Schmerzen am Boden wälzte und krümmte, meinte, es sei das Ende; der Tod würde von selbst kommen und den Herren weitere Bemühungen abnehmen. Immer jedoch richtete sich der Alte am Schluß wieder auf, meist, nachdem er unter Stöhnen den Inhalt seines Magens von sich gegeben hatte.
Auch nachts war er eine Plage für uns. Oft mußte er aufstehen und er schleppte sich dann im Dunkeln mühselig in die Ecke zum Kübel. Er selbst hatte Wert darauf gelegt, daß sein Liegeplatz in unmittelbarer Nähe davon war. Trotzdem bedeutete der Gang dorthin jedesmal eine Qual für ihn, wie für die, die bei seinem Gehen, Tasten und Stöhnen aufwachten.
EIN BIBELFORSCHER
Der letzte von den drei neu hinzugekommenen Gefangenen, den ich hier für erwähnenswert halte, war im Gegensatz zu dem kranken Alten ein junger, frischer und gesunder Mensch. Keineswegs betrübt über seine Gefangenschaft erzählte er freimütig, er gehöre zur Organisation der Bibel
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