„Wissen Sie, ich glaube das auch“, sagte der Alte am Schluß zu mir, und
in seinen Augen war ein Schimmer von Freude und Hoffnung zu sehen. „Diesmal haben sie nicht, wie sonst, von meinen Vorstrafen wissen wollen, sondern nur von meinen Krankheiten.“
Der gute Alte stellte sich tatsächlich in Dachau so etwas wie ein geruh- sames Altersheim vor. Er hatte noch eine sehr gute Meinung von dem gegenwärtigen Staat. Es gelang mir, rechtzeitig dem geschwätzigen Dreher zuzuflüstern, er möge ja nicht so grausam sein und diesem armen Tropf die Augen öffnen. Wir selbst waren uns darüber klar, welches Schicksal ihn in Dachau erwartete: es ging durch den Kamin, wie sich Lammer, der ehe- malige Fabrikant aus Pf. mit schmerzendem Humor über seine Zukunft aus- drückte. Die Umstände, daß der Mann schon einmal in einer Irrenanstalt war und daß seine Akten zur Genehmigung nach Berlin geschickt wurden, sprachen deutlich dafür.
‚ Drei Wochen dauert es regelmäßig, bis der Bescheid von Berlin zurück- kommt, hatte man mir berichtet. Solange also muß dieser Schwerkranke hier aushalten. Vielleicht gibt es diesmal in Berlin auch noch Verzögerung, denn Tag und Nacht sind jetzt dort schwere Fliegerangriffe.
Da der Alte, wie er sagte, nicht einen Angehörigen mehr hat und heute wohl kaum mehr am Leben sein wird, ‚trage ich auch bei ihm keine Be- denken, hier seinen richtigen Namen zu nennen: er heißt Kübler und stammt aus Leutkirch . Vielleicht hat ihn dieser und jener, der meinen Bericht liest, gekannt und nimmt nun Anteil an seinem Geschick.
Wie vor acht Tagen bei dem. schwindsüchtigen Lammer, so mußte ich auch jetzt wieder in mir verarbeiten, was diesem Menschen, der da vor mir saß, bestimmt ist. Bei Lammer war es furchtbarer: er wußte, was ihm be- vorstand, dachte an Frau und Kinder daheim, wie sie um ihn bangten, und er war, von seiner körperlichen Krankheit abgesehen, ein hochwertiger Mensch, der sich nur politisch mißliebig gemacht hatte.
Hier dieser Alte war unbestreitbar asozial. Niemand wird ihn vermissen, wenn er nicht mehr lebt, kein Mensch um ihn trauern. So hatte er auch keinerlei Aussicht, in dieser Zeit, wo in Deutschland überall Kriegsnot und Elend, Hunger und Mangel war, irgendwo die Pflege zu finden, die er brauchte, um vielleicht wieder einigermaßen gesund zu werden. Viele Men- schen werden es deshalb billigen, wenn man ihm bald einen schmerzlosen
Tod gibt, ohne daß er davon weiß, und ihn so von seinem Jammerdasein
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