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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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gen Anfall, anscheinend im Magen, krümmte sich vor Schmerzen, wälzte sich am Boden, bis er sich schließlich unter Stöhnen erbrechen mußte, wobei es ihm nicht mehr gelang, den Kübel zu erreichen. Und das in einer schlecht gelüfteten kleinen Zelle mit soviel Menschen!

Kein Zweifel, der Mann war schwerkrank, vielleicht sogar totkrank. Gleich zu Beginn des Anfalls hatte ich auf den Signalknopf an der Tür ge­drückt, den man in solchen Notfällen betätigen darf. Es dauerte lange, der Anfall war schon vorüber, bis sich ein Wachtmeister sehen ließ. Ungehal­ten über die Belästigung fragte er kurz, während er die Tür nur ein wenig öffnete, was es gäbe. Ich berichtete von dem Anfall und sagte, daß der Kranke dringend einen Arzt brauche.- ,, Der kommt morgen sowieso zum Arzt", entgegnete der. Beamte brummend und verärgert über meine Zu­mutung. Und schon hatte er die Tür wieder zugeschlagen.

Bis morgen kann der Mann in unserer Zelle gestorben sein. Doch was kümmert das die Polizei? Mitgefühl, Kultur, Zivilisation, das alles darf hier fehlen, wenn man nur stramme Beamte hat, die militärisches Pflichtbewußt­sein in den Knochen haben, peinlich auf Ordnung sehen und ihre Vorschrif­ten genau einhalten wie ein Automat, dann ist man zufrieden. Herz? Seele? Das sind bei diesen Menschen lächerliche und veraltete Begriffe, mit denen sich allenfalls weltfremde Dichter und fromme Weiblein noch be­fassen.

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Der totkranke Alte wurde richtig am anderen Morgen zum Arzt gebracht. Da er sich kaum aufrecht halten konnte, rechnete ich nicht damit, daß er in unsere Zelle zurückkommen würde. Es muß ja irgend eine Stelle geben, wo man so schwerkranke Gefangene unterbringt und behandelt, eine Sonderab­teilung in irgend einem städtischen Krankenhaus.

Doch für unseren Alten war dort wohl kein Platz. Mit dem Mittagtrans­port kam er wieder zu uns. Er berichtete, daß der SS- Arzt zu ihm nichts über seine Krankheit gesagt habe. Es sei noch ein anderer Herr dabei ge­wesen. Der hätte ihn über sein ganzes Leben ausgefragt und alles aufge­schrieben, hauptsächlich, daß er schon einmal eine Zeitlang als Geistes­kranker in einer Irrenanstalt war. Jener Herr, so berichtete der Alte weiter, sei freundlich zu ihm gewesen und habe am Schluß gesagt, er käme nach Dachau in eine Sonderabteilung für alte Leute, die nicht mehr arbeiten könnten. Dort habe er es gut. Zuvor allerdings müsse er in unserem Ge­fängnis aushalten.

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