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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Was ich im voraus fühlte, gab er mir hierauf zu verstehen: er persönlich hätte mich gern nach Hause gehen lassen, aber nach seinen Bestimmungen durfte er es nicht.

Nach dieser menschlichen Unterhaltung führte er mich in das Zimmer von Sch. zurück, damit ich fertig schreiben konnte. Kaum war B. weg, da brachte mir das Schreibfräulein vom Nebenraum im Auftrag von Sch. eine große Tüte mit Brezeln. Wenn man als Gefangener tagelang so hundemäßig behandelt worden ist, dann tut eine solche unvermutete, liebevolle Aufmerk­samkeit ungemein wohl. Ich war gerührt.

Es war kurz vor fünf Uhr geworden, bis ich meine Schrift beendet hatte. Ich setzte gerade meinen Namen darunter, als B. erschien und sagte, der Gefangenenwagen warte bereits unten; ich müsse sofort abschließen. Gern hätte ich noch einmal durchgelesen, was ich geschrieben hatte, doch es war nicht mehr möglich.

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Völlig dunkel war es wieder in unserer Gefängniszelle, als ich eintrat. Später, als Licht gemacht wurde, sah ich verschiedene neu hinzugekommene Gestalten. Ich erkundigte mich nach ihrem Vergehen. Es handelte sich fast immer um die gleichen Fälle: Arbeitsvergehen oder Diebstahl.

Ich wußte jetzt auch schon ungefähr, wie es mit jedem einzelnen hier weitergeht: Die wegen Arbeitsvergehen werden der Gestapo vorgeführt; ist es ein besonders leichter Fall, wie kürzlich bei dem Schneider und bei dem Berliner, der heiraten wollte, so läßt man den Betreffenden nach einigen Tagen wieder frei; meist aber gibt es sechsundfünfzig Tage Oberndorf. Dieses Strafmaß scheint für das Arbeitslager einheitlich zu sein; die Mühe, hier noch einmal, je nach der Schwere des Vergehens zu unterteilen, macht man sich nicht.

Die kriminellen Verbrecher werden einigemale hinweg geholt, zum Ver­nehmen durch einen Kriminalbeamten, zum Fotografieren für das Verbre­cher- Archiv und zum Anfertigen von Fingerabdrücken. Diese Vorarbeiten. werden im Hause des Gefängnisses gemacht und sind meist in drei bis vier Tagen abgeschlossen; dann kommen jene Gefangenen in das eigentliche Untersuchungsgefängnis. So ist hier in diesem Polizeigefängnis ein ständiges Kommen und Gehen der kriminellen Gefangenen. Auch heute haben einige unsere Zelle verlassen, darunter der unangenehme Kerl von der Heuberg­Strafkompanie.

Am längsten bleiben die politischen Gefangenen hier. Wie ich hörte,

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