Druckschrift 
Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
90
Einzelbild herunterladen
  

unverschlossene Schranktür den deutschen Soldaten zum Kameradendieb­stahl verleitet, wie hätte ich dann diese mir fremden überhungrigen Gesellen verurteilen können, wenn sie sich an dem, was so günstig vor ihnen lag, ein wenig satt gegessen hätten.

Zur Ehre aller gerichtsnotorischen Spitzbuben, die sich damals in Zelle 4 befanden, sei aber hier hervorgehoben, daß alles noch unberührt dalag, als ich zurückkam, so daß ich aus Freude einige Äpfel verteilte. Um die armen Kerle aber nicht wieder in Versuchung zu bringen, steckte ich jetzt schon die restlichen Sachen alle in meine Manteltaschen, um sie bestimmt das nächste Mal bei mir zu haben, wenn ich wieder herausgerufen würde.

Rößler berichtete mir, daß die Untersuchung beim Arzt in der Tat nur eine reine Formsache war, wie er vermutet hatte. Der Arzt habe ihn kaum richtig angesehen. Morgen muß er also endgültig fort in das gefürchtete. Lager Narzweiler. Er schenkte mir schon jetzt die Sachen, die er nicht mit­nehmen konnte: das eingeschmuggelte Küchenmesser, einen schönen, großen Bleistift und ein leeres Marmeladeglas, das man an Stelle der verrosteten, von allen benutzten beiden Blechbecher zum Wassertrinken für sich allein verwenden konnte. Nur wer selbst schon ohne solche Hilfsmittel von der Zivilisation abgeschnitten leben mußte, wie wir hier in unserer Gefängnis­zelle, kann ermessen, was diese armseligen Dinge, die ich hier erbte, für mich bedeuteten.

Gegen einhalb zwei Uhr wurde ich herausgerufen. Draußen im Flur war wieder das übliche Aufstellen in zwei Gliedern und Verlesen der Namen nach den kleinen Zetteln, die die einzelnen Sachbearbeiter von der Gestapo herübergeschickt hatten. Jetzt am Nachmittag waren wir nicht viel, etwa zehn bis zwölf Mann, so daß wir im Gefangenenwagen gut Platz hatten. Allerdings kamen aus einem Gefängnis der Innenstadt noch Russen hinzu. Als mich B. im Hause der Gestapo wieder hinaufführte, begegneten wir unten in der Halle Fräulein R. aus Magstadt , unsere Anklägerin und die Urheberin der ganzen leidigen Angelegenheit. Verlegen wich sie meinem Blick aus. B. sagte ihr, sie müsse noch etwas warten und brachte mich wie­der in das Zimmer zu Sch., damit ich weiter schreiben konnte. Sch. verließ mich bald, er hatte dienstliche Erledigungen außerhalb des Hauses. Ich war jetzt ganz allein und ungestört in dem großen Zimmer, nur vom Nebenraum her hörte ich durch die offene Tür das Fräulein mit der Schreibmaschine

klappern.

90