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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
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und anderen Gründen, sehr nahe gelegt hatte. Und ich führte Fälle an, die es verständlich machen sollten, daß ich Adolf Hitler innerlich nicht zustim­men kann. So erwähnte ich, daß Hitler einmal gesagt hat, der National­sozialismus würde dann eine Utopie bleiben, wenn es ihm nicht gelänge, einen besseren Menschen zu schaffen. Ich könne mich aber des Gefühls nicht erwehren, daß durch die Wege, die man gehe, unmöglich ein besserer Mensch geschaffen werde.

Ich war so in meine Gedanken versponnen und schrieb voll Eifer, daß ich gar nicht merkte, wie schnell die Zeit vergangen war. B. kam herein, sagte, daß es gleich zwölf Uhr sei und nahm interessiert an sich, was ich geschrie­ben hatte. Gleich von sich aus erklärte er, ich könne am Nachmittag wei­terschreiben, er würde dafür sorgen, daß ich um zwei Uhr wieder herkomme.

Unten wartete schon der Gefangenenwagen. Jetzt auf der Rückfahrt in das Gefängnis waren wir nur wenige, so daß alle sitzen konnten. Niemand wußte, wo die vielen ausländischen Gefangenen vom Morgen geblieben waren; vielleicht hatte man sich doch entschlossen, zweimal zu fahren. Ich dachte sogar daran, anzunehmen, daß meine drastische Schilderung und Beschwerde bei B. über die Herfahrt am Morgen das erreicht hatte.

Die beiden Deutschen , die mit Prof. K. in einer Zelle waren, saßen jetzt im Wagen neben mir. Jeder hatte viel zu erzählen: Herrn Taube waren für seinen Brief an die HJ. einige Monate Gefängnis angekündigt worden, doch sein Sachberater habe tröstend gesagt, daß ihm diese Strafe vielleicht auf dem Gnadenwege erlassen werde. Der Andere, den seine Frau angezeigt hatte, muß, wie er betrübt sagte, wahrscheinlich sechsundfünfzig Tage nach Oberndorf in das Arbeitslager. Über meinen Fall konnte ich jetzt Prof. K. noch bestimmter und ausführlicher mitteilen lassen, daß für ihn alles gut stehe. Von dem anderen schwieg ich.

In unserer Gefängniszelle angekommen, schaute ich zuerst nach dem Rest meiner Lebensmittel von gestern. Am Morgen war es mir bei der üblichen hastigen Weise, mit der mich der brutale Wachtmeister herausgerufen hatte, nicht mehr möglich gewesen, etwas davon mitzunehmen. Leicht hätte in der zu jener Zeit noch dunklen Zelle einer der Gefangenen diese Eẞwaren heim­lich vertilgen können. Beim deutschen Militär wird der Rekrut bestraft, der es vergißt, die Tür seines Spindes sorgfältig abzuschließen, wegen ,, ,, Verlei­tung zum Diebstahl", wie uns unser Spieß lehrte. Wenn die militärische Obrigkeit, wohl auf Grund ihrer Erfahrungen, annehmen muß, daß eine

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