Urteil auch nicht dadurch beirren, daß er jetzt, bei der grußlosen Begegnung, mich wieder mit seinen ernsten, durchforschenden Augen ansah und ohne ein Wort zu sprechen, mit der Bewegung des Zeigefingers zu sich heranwinkte, eine Eigenart, die ich nun schon an ihm kennen gelernt hatte und die er sich anscheinend in seinem Dienst beim Verkehr mit den Gefangenen angewöhnt hatte.
Er führte mich wieder die vier Stockwerke hoch in sein Zimmer. Hier kannte ich mich jetzt schon aus. Der Herr am anderen Schreibtisch war auch wieder da, hatte aber offenbar nach wie vor mit meiner Sache nichts zu tun.
B. begann das Verhör mit einigen neuen Fragen in der Rundfunkangelegenheit. Als er merkte, daß er auch damit nicht zum Ziele kam, wurde er energisch: ,, Sie, ich will Ihnen etwas sagen: bis jetzt sind wir zwei im Guten miteinander ausgekommen, wenn Sie jetzt aber nicht endlich mit der Sprache herausrücken, und nicht aussagen, was Sie wissen, dann sollen Sie mich kennen lernen!" So sprach er wörtlich, das letzte schreiend, wobei er mich drohend ansah, so daß man durchaus annehmen konnte, er würde im nächsten Augenblick die Wirkung seiner Worte durch ein paar Faustschläge ins Gesicht verstärken.
Auf ein solches Vorgehen war ich durch die Belehrungen einiger Zellengenossen drüben im Gefängnis vorbereitet. Ich hatte mir für diesen Fall die Worte schon überlegt, mit denen ich jetzt meinen stärksten Trumpf ausspielte:„ Herr B., Sie können mich einsperren, so lange Sie wollen, Sie können mit mir machen, was Sie wollen; ich werde es zu ertragen wissen. Es geht vorüber. Wenn ich jetzt aber unter dem Druck Ihrer Drohungen etwas sage, was ich nicht genau weiß, und damit einen unschuldigen Menschen ins Zuchthaus bringe, dann belaste ich meine Seele bis an mein Lebensende. Das geht nicht mehr vorüber."
Diese Karte hatte gestochen. B. war ein Mensch; ich hatte mich nicht in ihm getäuscht. Er drang nicht weiter in mich. Auch der andere Herr sah, seine Schreibarbeit unterbrechend, zu mir auf, und wie schon bei der letzten Vernehmung, glaubte ich auch jetzt so etwas wie eine vorsichtige Zustimmung in seinem Gesicht lesen zu können.
,, Sie bleiben also dabei, daß Sie sich an nichts mehr erinnern können", sagte B. nach einer Pause des allgemeinen Schweigens, das meine Worte hervorgerufen hatte. Er wollte dann von mir noch etwas über eine abfäl
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