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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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bewundern und loben und bedaure nochmals, seinen Namen nicht zu wissen. Doch ich greife mit meiner Schilderung voraus. Dies alles trug sich erst in den nächsten Tagen zu. Auf jenen Montag, da dieser Herr Jentsch zu uns kam, folgte der Tag, der für mich von ausschlaggebender Bedeutung war.

DER GROSSKAMPFTAG MEINER GEFANGENSCHAFT

Nachdem die Gestapo während des Samstags, Sonntags und Montags nichts hatte von mir wissen wollen, rechnete ich nicht mehr mit einer baldi­gen weiteren Vernehmung. Wie ich hörte, war es ja bei politischen Gefan­genen vielfach üblich, sie wochen-, wenn nicht gar monatelang hier festzu­halten, ohne daß irgend etwas mit ihnen geschah. In früheren Jahrhunder­ten Daumenschrauben, heute Aufenthalt in dieser stinkigen Zelle, bis man weich wird.

Ich war deshalb überrascht, als ich am Dienstag Morgen, noch bevor die drei Polen zur Arbeit ausgerückt waren, gemeinsam mit Rößler herausge­rufen wurde. Ihm hatte man schon am Vortag angekündigt, daß er heute zum Arzt geführt werde. Vor der Überführung in ein Lager wurde jeder Gefangene noch einmal auf seinen Gesundheitszustand untersucht. Fast eine reine Formsache, wie mir Rößler versicherte. Denn es mußte einer schon halbtot sein, wenn ihn der Gefängnisarzt für nicht transportfähig er­klären sollte.

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Ob ich auch zum Arzt komme?. Nein, es wurden aus den verschiedenen Zellen noch viele andere Gefangene geholt, die gewiß nicht alle zur ärzt­lichen Untersuchung kamen. Meist waren es wieder fremdländische Ge­stalten, oft erbärmlich bekleidet. Einer hatte anstatt Schuhen nur Lumpen um die Füße gewickelt, die mit Bindfaden zusammengebunden waren.

Wir mußten im Flur in zwei Gliedern antreten. Beim Verlesen der Namen zeigte es sich, daß tatsächlich nur sehr wenige dieser Gefangenen Deutsche waren; wir hörten fast nur polnische und kroatische, französische und hol­ländische und weiß Gott was sonst noch für Namen. So international, wie jetzt im Dritten Reich, waren die deutschen Gefängnisse wohl noch nie. Des alten sozialdemokratischen Kampfrufes: Proletarier aller Länder ver­

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