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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
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ser Zelle hier schon für einen gewöhnlichen Menschen kraß und schwer erträglich, so mußte er für diesen verwöhnten und leicht verletzlichen Herrn Jentsch geradezu eine grausame Folter sein. Er empfand die seelischen. Schmerzen wohl tausendmal stärker als beispielsweise der abgebrühte Fahr­raddieb. Jentsch gehörte in die Hand eines erfahrenen Psychiaters, und es war eine besondere Kulturschande, diesen Menschen mit seinen zarten, wunden Nerven wie einen gemeinen Verbrecher hier ins Gefängnis zu sperren. Ebensowenig, wie ein Grobschmied mit seiner klobigen Hand ein hochempfindliches, feinmechanisches Instrument auseinandernehmen und wieder in Ordnung bringen kann, sondern nur noch größeres Unheil an­richtet, ebensowenig konnten die mitleidlosen Männer bei der Gestapo oder diese gefühlslosen Polizeiknechte hier im Gefängnis diesen Herrn Jentsch zu einem gesunden, nützlichen Menschen machen.

Wenn wir Mitgefangenen sahen, wie er jedesmal beim Rasseln der Schlüs­sel und Riegel draußen an der Tür nervös zusammenzuckte und hierauf verängstigt und kopflos seinen Platz in der Doppelreihe suchte, dann tat er uns allen immer wieder leid.

Er war so weltfremd und töricht, daß er, nachdem er mit seinen jammern­den Fragen bei uns Mitgefangenen kein Gehör mehr fand, versuchte, sich an die Polizei- Wachtmeister zu wenden, wenn sie die Tür öffneten. Manche schlugen sie wieder zu, bevor er in seiner langsamen und schüchtern- leisen Art nur ein Wort herausgebracht hatte. Einige hörten ihn an und lachten ihn dann nur höhnisch aus oder waren so grausam, ihm erst recht Angst zu machen. Doch alle Enttäuschungen, wie alle Ermahnungen von uns, daß er besser mit dem Ofen reden könne, als mit diesen Unmenschen, waren frucht­los; er versuchte immer wieder, bei einem anderen Beamten zu erfragen, wie lange er hierbleiben müsse, ob er entmündigt werde oder in eine Anstalt komme.

Schließlich erbarmte sich doch ein Polizei- Wachtmeister seines Jammers. Es war jener hochanständige, der mich seinerzeit bei meiner Einlieferung in das Gefängnis aufgenommen hatte. Wie ein Pfarrer, der den Namen Seel­sorger wirklich verdient, sprach er mit bewundernswerter Geduld dem Ver­zweifelten Mut und Trost zu, so daß er uns Mitgefangene, die wir bei dem ewigen Jammern des Jentsch unwillig geworden waren, beschämte. Ein sol­cher Mensch unter den anderen, jeden Mitgefühls baren Polizeileuten, war in der Tat wie ein Engel unter Teufeln. Ich kann diesen Mann nicht genug

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