Was er jedoch bei der Gestapo an seelischem Leiden erlebte, das übertraf alles, was er bisher durchmachen mußte. Er berichtete anfangs nur zögernd darüber, doch nach und nach erfuhren wir alles.
Der Beamte, der seine Sache bearbeitete, hatte sich zunächst über den weiblichen Einschlag in seinem Wesen und Aussehen lustig gemacht und dabei derbe zynische Bemerkungen fallen lassen. Auch kleinlicher Neid sprach aus seinen Worten. Die gute Kleidung von Jentsch stach ihm in die Augen, besonders der vornehme braune Mantel aus bestem Stoff. Ungeniert erklärte der Beamte, daß er selbst in einem schäbigen Mantel umherlaufe, wo er doch arbeite, während Jentsch nichts schaffe. Es sei überhaupt unverantwortlich von dem zuständigen Arbeitsamt, ihn nicht zur Arbeit gezwungen zu haben.
Auf den Einwand der Tante, daß dieser ungewöhnlich zarte, eigenartige Mensch wohl kaum zu einer produktiven Arbeit zu gebrauchen sei, erwiderte er scharf, das werde man feststellen. Sollte Jentsch tatsächlich nicht arbeiten können, dann hätte man guten Grund, anzunehmen, er sei auch nicht fähig, sein großes Vermögen selbständig zu verwalten und man müsse ihn entmündigen. Das ginge heute sehr schnell.
Der arme Jentsch bekam hiervon einen noch größeren Schreck als von der Ankündigung, daß er nicht mehr in den Schwarzwald zurückfahren dürfe, sondern verhaftet sei und in ein Gefängnis überführt werde. Es mag sein, daß der Gestapo - Beamte hierbei pflichtgemäß handelte, wie es ihm vorgeschrieben war; er tat aber mehr als seine Pflicht, als er den seltsamen, empfindlichen Menschen, bevor er ihn in das Gefängnis überführen ließ, erst noch durch verschiedene Zimmer schleifte, um ihn den Kollegen vorzuführen, die in gemeiner Weise ihre mehr oder weniger geistreichen und verletzenden Witze über ihn machten. Es war die gleiche Gefühlsrohheit, wie wenn man etwa einen Lahmen zur allgemeinen Ergötzung hin und her springen ließe und sich dabei noch über sein Gebrechen in taktloser Weise lustig machte. Nein, nach dem, was uns dieser fein- empfindende junge Mann unter ständig neu ausbrechenden Weinanfällen erzählte, war es ihm noch weit schlimmer zumute, als er vor diesen höhnisch blickenden Augen Spießruten laufen mußte und die zynischen Bemerkungen hörte. So wie er mag ein schamhaftes junges Weib empfinden, das von wüsten Gesellen nackt ausgezogen wird und zur rohen Freude der Betreffenden sich allen zur Schau stellen muß.-
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