Druckschrift 
Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
67
Einzelbild herunterladen

stoff, das sah man. Der Fremde hatte ihn nicht richtig angezogen, sondern

nur über die Schultern gelegt, wie es Frauen gern tun. Das und die eigen- artige Frisur der ziemlich langen Haare bestärkten den Eindruck, eine junge Dame vor sich zu haben. Es wurde fast zur Gewißheit, als das betreffende Wesen jetzt mit hoher Mädchenstimme antwortete:Nein, danke!

Das ist ein Weib! Das ist ein Weib!, flüsterten sich einige jetzt höchst verwundert zu und kicherten dabei, während die schöne Gestalt von neuem weinte. Jedesmal, wenn sich dieses rätselhafte Geschöpf zu beruhigen schien, suchten wir es vorsichtig und teilnahmsvoll auszufragen, doch stets bekam es einen neuen Weinanfall und konnte nicht sprechen. Das einzige, was es über die Lippen brachte, war eine unter Tränen vorgebrachte Klage, der Polizeibeamte sei mit ihm so furchtbar schnell hierher zum Gefängnis ge- laufen und habe mit gemeinen Schimpfworten zur Eile angetrieben.

Als dann das Mittagessen gebracht wurde und dieser Mensch auch seinen Blechnapf in Empfang nehmen mußte, sprach ich ihm ermunternd zu, wie man es mit mir am ersten Tag getan hatte.Nur nicht unterkriegen lassen; gleich von Anfang an richtig mitessen, dann hält man am besten durch.

Doch er versuchte nicht einen Löffel voll. Sein Nachbar, der junge hung- rige Pole, wartete schon darauf und verschlang die zusätzliche Portion im Nu. Nach dem Essen beruhigte sich der Neuling doch allmählich und wir erfuhren nach und nach aus Bruchstücken, die wir uns selbst zusammen- reimten, welche Bewandtnis es mit ihm auf sich hatte.

Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, macht aber noch einen jüngeren, unent- wickelten Eindruck und hat, obwohl männlichen Geschlechts, seinem ganzen Wesen nach einen wohl einzigartig starken femininen Einschlag, so daß man sich immer wieder von neuem fragt, ob man einen Jüngling oder ein junges Mädchen vor sich hat. Nicht nur.die Gestalt, Gesicht, Stimme und Haar- frisur sind fast mehr weiblich als männlich, auch die Kleidung ist es: weite, rockartig geschnittene Hosen; kleine schmale Schuhe und blusenähnliches Oberhemd. Doch das alles macht keinen gesuchten und gekünstelten Ein- druck, als wollte ein Mann bewußt die weibliche Note betonen, man fühlt sofort beim Betrachten: es ist die Kleidung, die diesem Wesen entspricht.

Ohne Zweifel ein bedauernswertes Geschöpf, einer seltsamen Laune der Natur entsprungen. Ein Zwitter, wenn auch nicht rein körperlich, so doch seelisch und zwar in einer Weise, wie es wohl nur selten vorkommt. Dazu

noch stark infantil. Auf einen solchen außerordentlichinteressanten Fall

67

a

*