mußten. Auch die Bemerkungen in deutscher Sprache waren voll Wut und Haß gegen den Nazi- Staat; zum Teil allerdings mögen sie von Holländern und anderen, deutschsprechenden Ausländern geschrieben worden sein.
So interessant diese Lektüre zunächst war, zur stundenlangen Unterhaltung reichte sie nicht aus. Kein Büchlein, kein Zeitungsblatt, nichts, gar nichts war sonst hier, womit sich der Geist beschäftigen konnte. Es blieben nur die eigenen Gedanken. Ich begann zu fühlen, welche Qual längere Einzelhaft für einen Menschen bedeutet.
Schlafen ist hier das beste, dachte ich schließlich, zumal die warme, trokkene Luft in der Zelle müde und matt machte. Also legte ich mich auf der Bank lang, den zusammengelegten Mantel als Kopfkissen benutzend. Es gelang mir jedoch nicht, richtig einzuschlafen. Unfaßbar langsam verstrich die Zeit.
Um zwei Uhr wurde droben irgendwo ein Rundfunkgerät laut eingeschaltet und ich konnte den Wehrmachtsbericht mithören. Das übliche: harte Abwehrkämpfe im Osten und Süden, Feindeinflüge in Westdeutsch
land.
Gegen drei Uhr wurden draußen Schritte hörbar. Die Tür ging auf. ,, Sind Sie Deutscher ?", fragte der öffnende Herr. Er hatte ein intelligentes, schmales Gesicht mit dunkler Hornbrille, dunklen Augen und schwarzen Haaren. Als ich die Frage bejahte, schob er einen anderen Gefangenen mit in die Zelle. Bevor er die Tür wieder zugemacht hatte, sagte ich schnell: ,, Ich soll in das Polizeigefängnis zurückgebracht werden."
,, Ja, ich weiß", antwortete er.
,, Ich habe noch kein Mittagessen gehabt."
Er sah nach seiner Uhr:„ Der Wagen kommt jetzt gleich."-
Jetzt begehrte der neue Gefangene auf:„ Fünf Tage nichts zu essen bekommen." Zornig sah er den Beamten dabei an.
,, Ja, ich weiß", erwiderte er gleichgültig wie bei mir. Und schon war die Tür von draußen wieder zugeschlossen.
-
Warum hatte er mich gefragt, ob ich Deutscher bin? Doch wohl, weil der Neue ebenfalls Deutscher ist. Man will begreiflicherweise Deutsche zu Deutschen stecken.
Aber schon das südländische Aussehen des anderen ließ erkennen, daß er kein Deutscher war. Es war ein Grieche, der allerdings recht gut deutsch sprach. Kaufmann von Beruf. In Athen hatte er ein eigenes Geschäft ge
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