Wie sich jetzt herausstellte, hätte ich vorhin mit dem Gefangenentransport im Wagen zurück zum Gefängnis gebracht werden sollen. Der Beamte am Schreibtisch war aber von B. angeblich nicht recht unterrichtet worden; er versah diesen Posten hier heute auch nur vertretungsweise und wußte an- scheinend in allem nicht recht Bescheid. Etwas verlegen erklärte er mir, daß er mich bis zum nächsten Transport in eine Zelle schließen müsse.
„Wann geht der nächste Transport?” „Am Nachmittag.“ „Ist hier niemand, der mich auf dem Weg ing Gefängnis begleiten kann?“
„Vielleicht um zwei Uhr, wenn die Herren wiederkommen; jetzt haben wir hier niemand.“
„Ich habe seit heute morgen nichts gegessen, und das war auch nicht viel!“
Er zuckte bedauernd die Schultern und ging mit mir hinunter in das Kel- lergewölbe. Dort schloß er eine Zellentür auf. Die Zellen hier hatten kein so umständliches Schloß- und Riegelwerk, wie drüben im Polizeigefängnis. Innen waren sie auch freundlicher, allerdings auch viel kleiner; ich schätzte die, in der ich mich befand, zwei Meter breit und drei Meter lang. Außer einer kleinen Bank war nichts in der Zelle; sie konnte also nur zum be- schränkten Aufenthalt auf Stunden bestimmt sein. Tageslicht konnte nicht hereinfallen; an der Wand hing ein Luftverbesserer, wie man ihn hin und wieder auf Toiletten findet. Die Wände hier waren nicht so schmutzig- grau wie in der Büchsen-Schmiere; sie hatten einen gelblichen, grobrauhen Verputz, wahrscheinlich deshalb, damit sie nicht beschrieben werden konn- ten. Doch es blieb den Gefangenen immer noch die mit Blech beschlagene, grau gestrichene Tür, wenn sie sich die Zeit hier mit schriftlichen Ergüssen vertreiben wollten, oder sich bewogen fühlten, wenigstens ihren Namen und die Gründe ihrer Haft den Nachgefangenen mitzuteilen. Ä
In der Tat, diese Tür war mit den verschiedensten Bleistift-Handschriften bekritzelt, daß ich mir mit dem nachdenklichen Lesen der Sprüchlein einige Zeit vertreiben konnte. So ziemlich alle Sprachen Europas waren vertreten, selbst griechisch. Französisch überwog weitaus. Fantasielose hatten sich mit der Bemerkung begnügt: Vive la France. Die meisten aber hatten je nach Geist und Temperament Verse und kleine Lebensromane an die Tür ge- schrieben. In einem stimmten die Inschriften alle überein, wohl auch die, die ich nicht entziffern konnte: in der Abkehr von Deutschland und in der Klage über die unmenschliche Behandlung, die die Gefangenen hier erleben
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