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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
Seite
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دو

Untergebenen dulden kann; daß er aber seine Ansicht als unbedingt richtig bestätigt haben will, nicht einmal leiseste Aufklärung und vorsichtiges Richtigstellen vertragen kann, das ist unsinnig und beschämend für ein hochstehendes Volk. Es hat uns bereits im ersten Weltkrieg manchen braven Soldaten, manche verlorene Schlacht, ja vielleicht den ganzen Krieg gekostet. Der Nationalsozialismus hat es noch verschlimmert. Uneingeschränkter denn je bestimmen heute in Deutschland die rücksichtslosen Gewaltmenschen und die unduldsamen Kommißköpfe. So wird der Soldat vorn wieder durch sein Heldentum gutmachen müssen, was die Führung hinten verpatzt.* Was wollen Sie damit sagen?"

,, Ich glaube, es spricht für sich selbst."

,, Solcher Art sind also Ihre Gedanken!"

,, Herr B., meine Gedanken werden Sie mir nicht verbieten wollen, denn das können Sie nicht. Ob ich die Gedanken lediglich in meinem Kopf be­halte, ob ich sie still für mich hersage oder für mich allein niederschreibe, das muß sich gleich bleiben. Die Straftat beginnt erst dann, wenn ich diese Gedanken einem anderen Menschen mitteile."

Und zu meiner Beruhigung war ich mir bewußt, daß ich in der Tat weder den obigen Vers noch die anderen Aufzeichnungen irgend jemand gezeigt hatte, außer meiner Frau. Sie sollten in meine Kriegserinnerungen aufge­nommen werden, an denen ich hin und wieder in stillen Abendstunden schrieb.

B. wußte nichts zu erwidern. Eine solche Sachlage war ihm wahrschein­lich noch nicht vorgekommen. Er hielt es deshalb für klug, zu schweigen und die Entscheidung seiner vorgesetzten Stelle zu überlassen.

Jetzt nahm er einen weiteren Notizzettel von mir, den letzten mit politi­schen Bemerkungen, aber auch den gefährlichsten für mich. Mühselig ent­zifferte er, was ich mit Bleistift, kaum lesbar, auf den kleinen Zettel ge­kritzelt hatte:

Ueber Lessing, den Dichter des unvergänglichen Nathan, hat Goethe mahnend zum deutschen Volk gesagt: Möge das im Nathan ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und ernst bleiben."

Heute darf Nathan der Weise , dieses wohl beste Werk des großen deut­schen Dichters, in seinem Vaterlande nicht mehr aufgeführt werden. Mit der von Goethe gerühmten Duldsamkeit ist es gründlich vorbei.

* Da die Zettel mit meinen Aufzeichnungen bei den Akten der Gestapo ge­blieben sind, muß ich den Text hier aus dem Gedächtnis wiedergeben. Ich glaube, daß er wortgetreu ist, kann mich aber nicht dafür verbürgen. Sinngemäß stimmt er auf jeden Fall mit dem Original überein.

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