mer und angesichts des ungeduldig blickenden bösartigen Wachtmeisters für ratsam hielt, den Mantel erst draußen vor der Tür anzuziehen, damit ich rasch genug hinauskam.
Im Flur erblickte ich vorn am Ausgang den Gestapo -Beamten, der mich festgenommen hatte. Er winkte mich mit dem Finger zu sich heran. Ich brachte es nicht fertig, einen Gruß zu sagen, als ich vor ihm stand. Der so- genannte Deutsche Gruß war mir als Gefangenem verboten— darüber war ich innerlich nicht böse—, und diesem Menschen hier, der berufsmäßig mein Feind sein mußte, irgend einen anderen freundlichen Gruß zu sagen, das ging mir gegen den Strich. Mit solchen Heucheleien war hier auch nichts mehr zu retten, das fühlte ich, als ich seine scharfen, durchdringenden Augen wieder auf mich gerichtet sah. Im Gegenteil, es schien mir besser, von An- fang an Charakter zu zeigen; vielleicht schätzte er das doch innerlich, denn in seinem Gesicht war bei aller äußeren Schärfe ein Ausdruck von Ehrlich- keit, Korrektheit und Menschlichkeit zu lesen; ich stellte es heute Morgen wieder fest. Vielleicht war es ihm selbst zuwider, daß er so gegen mich vor- gehen mußte. Aber er hat natürlich den Ehrgeiz, nach oben seine Tüchtig- keit zu zeigen, wie ich mich.bei meiner Arbeit ja auch bemühe, vor meinem Chef gut.dazustehen und seine Wünsche zu erfüllen. Bei mir freilich han- delt es sich normalerweise um den Verkauf von Waren und um Steigerung des Umsatzes— hier geht es um Menschenschicksale.
Als die vergitterte Gefängnistür hinter uns zugeschlagen war, fragte er mich, ob ich mir jetzt überlegt hätte, was Prof. K. mir alles mitgeteilt habe.
„Ja“, antwortete ich ruhig.
„Und?“, fragte er gespannt.
„Was ich Ihnen bereits gestern gesagt habe: Nachrichten, die auch in der Zeitung standen. Etwas anderes kann ich Ihnen nicht berichten und wenn Sie mich noch so lange einsperren.“
Ich sah auf seinem Gesicht die Enttäuschung. Doch er schwieg. So gingen wir still nebeneinander durch die belebte Stadt. Niemand: sah mir an, daß
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