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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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Menschen und Völker sind wir es leider, leider nicht. Denn eins stand für mich fest: was ich hier in diesem Gefängnis erlebte und beobachtete, war in seinem Wesen durchaus nicht einmalig und alleinstehend; es ist charakteri­stisch für den rücksichtslosen Geist, der in der Welt draußen uns Deutschen so furchtbar geschadet hat und noch täglich schadet.

Ich bin mir bewußt, daß viele Überdeutsche diese Bemerkung mit Un­willen und Entrüstung lesen werden, denn sie können eine solche Kritik ihres Wesens nicht vertragen. Aber ich denke, die heutige Not wird so manchen zur Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis bringen, wie das Leid ja allgemein dazu da ist, den Menschen zu läutern, zu bessern und vollkom­mener zu machen.

Wir müssen endlich einmal zu der Einsicht kommen, daß es an unserer Art liegt, wenn sich die Welt von uns abwendet. Es ist billige und bequeme Selbsttäuschung, die Feindschaft draußen nur auf Neid- und Haßpropa­ganda zurückzuführen.

Natürlich sind die anderen auch keine Engel. Natürlich haben sie ihre Fehler. Natürlich gibt es in ihren Ländern mehr oder weniger schwere Miß­stände. Aber man spreche mit Menschen, die mit klaren Augen und gesun­den Sinnen in der Welt umhergekommen sind: die Achtung und Bewunde­rung, die man draußen unserem Fleiß, unserer Kraft und unseren Werken entgegenbringt, wird übertöht von der Verachtung, die alle Welt für unsere gewalttätige Art, unseren Militarismus und das dummgrobe Polizeitum hat. Das ist nicht erst seit Adolf Hitler so. Die Naziführer haben diese Zu­stände nur verschärft und besonders hochgezüchtet.

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Doch zurück zu den Geschehnissen im Gefängnis. Um acht Uhr gab es dann endlich etwas zu essen. Jeder erhielt ein Stück Kommiẞbrot und eine Schüssel mit lauwarmer Kaffeebrühe, wie es die drei Polen , die zur Arbeit ausrücken mußten, bereits bekommen hatten. Rößler hatte eine kleine Tüte voll Salz bei sich; so konnten wir alle damit das trockene Brot etwas schmackhafter machen.

Wir waren noch nicht fertig mit diesem ,, Frühstück", da wurde Lammer, der schwindsüchtige ehemalige Fabrikant aus Pf. herausgerufen. Der Trans­port nach Dachau ging ab, die Fahrt, von der er wußte, daß es aller Wahr­scheinlichkeit nach für ihn kein Zurückkommen mehr gibt.

Der kranke, schwache Mann konnte seinen Mantel und Hut und die paar Armseligkeiten, die so ein Gefangener bei sich haben darf, dem ungeduldi­

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