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Nur vierzehn Tage : ein Tatsachenbericht / Walter Schumann
Entstehung
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rück", sagte Rößler, der auf Grund seiner vierzehntägigen Gefangenschaft in dieser Zelle den Tagesablauf genau kannte. Kurz danach ging die Tür auf. Aus der Helle draußen wurden drei Gestalten in unsere dunkle Zelle geschoben. Bumbs, schon war die Tür wieder zu und die Ankömmlinge tasteten sich zurecht.

Erst zum Abendessen, um sechs Uhr, wurde von draußen das Licht in der Zelle eingeschaltet, eine schwache Glühbirne oben an der Decke. Jeder be­kam jetzt eine Schüssel voll Rettichsalat und eine Scheibe Brot. Dazu einen Becher voll Tee. Der Ausdruck Rettichsalat darf keine falschen Vorstel­lungen erwecken. Es war in Scheiben geschnittener, ungeschälter, sehr scharf schmeckender, schwarzer Rettich mit etwas Kartoffelbrei und Wasser an­gemacht. Der Hunger war bei allen so groß, daß keiner auch nur eine Scheibe Rettich übrig ließ. Man hatte hierauf auch den nötigen Durst, um den Tee trinken zu können. Er war weder warm noch kalt und von fadem Geschmack; gesüßt wäre er vielleicht einigermaßen genießbar gewesen.

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Viel Zeit wurde uns nicht zum Essen und Trinken gelassen. Immer wie­der ging die Tür auf und der patzige Wachtmeister rief ungeduldig herein: Fertige Schüsseln raus! Los, beeilt Euch! Die anderen wollen auch noch Das Geschirr war also knapp und wurde für die anderen Insassen noch gebraucht. Ich glaube nicht, daß man sich mit dem Abwaschen vor dem Weiterverwenden übermäßige Mühe gegeben hat.

essen.

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Nach einiger Zeit wurden noch drei weitere Rortionen Abendessen ge­bracht: Für die drei, die gearbeitet haben", sagte der Wachtmeister kurz. Es waren junge Burschen, noch keine zwanzig Jahre alt. Zwei von ihnen glichen sich wie Zwillinge. Schlank und groß, blauäugig und blond. Ich hätte sie für Friesen oder Schweden gehalten, aber niemals für Polen aus Litzmannstadt, wenn es ihre Sprache nicht verraten hätte. Sie aẞen mit Be­hagen ihre zusätzlichen Portionen und waren frohgelaunt, lachten sogar viel miteinander. Sorglose Jugend, auch wenn sie im Gefängnis sitzt.

Der dritte war ruhiger im Wesen, von kleiner Gestalt und, um den Gegen­satz voll zu machen, hatte er dunkle Augen und kohlschwarzes Haar. Aber sein offenes Gesicht war nicht weniger freundlich und gewinnend, als bei den beiden Blonden. Ja, er wurde mir in seiner stillen, bescheidenen und ge­fälligen Art der Liebste von allen. Ich habe mich in den folgenden Tagen oft mit ihm unterhalten. Koval war sein Name. Er wohnte garnicht in Polen , sondern in Belgien , wohin seine Eltern mit ihm und den Geschwistern

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