liest gläubig seine Zeitung, in der nichts von alldem steht, bangt um die verwandten und bekannten Soldaten, die draußen an der Front stehen und kämpfen, und gibt sich im übrigen zufrieden. An den namenlosen, tausendfachen Jammer, der sich im neuen Reich zwischen Gefängnismauern und in Konzentrationslagern abspielt, denkt außer den Angehörigen der Betroffenen kaum jemand so richtig. Und wiederum bin ich meinem Schicksal fast dankbar, daß ich das alles einmal unmittelbar kennenlernen und erleben darf.
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Wir brauchen auch bei der Einstellung zum Staat und zur Regierungsform den Ganzheitsbegriff, von dem man heute auf anderen Gebieten so viel spricht. Es ist leichtfertig und bequem, nur das Gute und Angenehme sehen zu wollen, es zu loben und sich daran zu freuen, im übrigen aber sich von den entsetzlichen Begleiterscheinungen und Nachteilen abzuwenden, wie es die Masse der Selbstgerechten so gerne tut. Solcherlei Gedanken beschäftigten mich, als Lammer wieder in die Zelle kam. ,, Nun ist es endgültig, morgen geht es fort", sagte er gleich beim Hereintreten.„ Eine ordentliche Anzahl haben sie da beisammen. Das Schlimmste wird wieder der Transport sein.“
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Ein anderer wußte genau Bescheid:„ Ihr kommt morgen nur bis Ulm . Dort wird im Gefängnis übernachtet. Am nächsten Tag geht es dann weiter."
Alle schwiegen eine Zeitlang. Wohl jeder dachte mitleidig über das Schicksal dieses armen Menschen nach, den man trotz seines erbärmlichen körperlichen Zustandes vom Zuchthaus ins Konzentrationslager und dann von Gefängnis zu Gefängnis schleppte, um ihn am Ende zu töten.
An die seelischen Leiden, die so ein empfindsamer Mensch durchlebt, denkt von den Herren bei der Gestapo und der Polizei natürlich niemand. Wie sollten sie auch, wenn sie sich schon der körperlichen nicht annehmen. Ich konnte nicht mehr stillsitzen. Mit meinen Gedanken beschäftigt, lief ich in der Zelle auf und ab, in der Diagonale, von Ecke zu Ecke; da war der Weg länger. Im Kreise, oder richtiger, im Rechteck herumlaufen konnte man nicht, weil auf einer Seite der schmalen Zelle ein Tisch stand. Dieses Hin- und Hergehen war auch in den folgenden Tagen der Gefangenschaft meine Haupttätigkeit. Mir fielen dabei wieder die Raubtiere im Zoologischen Garten ein, die in ihrem engen Käfig auch so hin- und herlaufen, ohne je herauszukönnen.
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