blaß und schmal. Der Mann hatte nicht nur Kummer und Hunger, der Mann war krank, schwer krank; das sah man. Sein Anblick erregte Mitleid. In meiner Tasche waren noch zwei Äpfel, die man mir nicht abgenommen hatte. Ich gab ihm einen davon. Seinen dankbaren Blick sehe ich noch heute im Geist vor mir. Wie ich merkte, machte es auch auf einige andere einen guten Eindruck, daß ich dem Kranken den Apfel gab; keiner war neidisch, obwohl sicher jeder gern einen solchen langentbehrten Apfel gegessen hätte.
„Der wird auch nicht entlassen“, sagte jetzt Rößler, der ehemalige Haupt-
‚mann zu mir,„obwohl er, wie ich, seine Strafe abgebüßt hat.“
„Zwei Jahre Zuchthaus , auf dem Asperg “, bestätigte der Andere mit schwacher Stimme,„und ein halbes Jahr Welzheim .“
„Warum?“
„Politisch.“— Ich merkte, er wollte nicht mehr sagen.
„Und jetzt?“, fragte ich deshalb nur.
„Jetzt komme ich nach Dachau . Morgen geht der Transport ab“, und seine Augen blickten dabei sonderbar.
„Sind Sie auch politisch hier?“, wandte ich mich jetzt an die anderen. Freimütig erzählte mir der Reihe nach jeder seine Geschichte. Es herrschte hier bei den Gefangenen eine eigenartige, kameradschaftliche Stimmung, die mich verwunderte.
Ich erfuhr, daß drei oder vier der Zellengenossen, gleich Rößler, krimi- nelle Verbrecher waren. Einer hatte sich an seiner Stieftochter sittlich ver- gangen, ein anderer hatte aus einem Rüstungsbetrieb Werkzeug und Mate- rial mit heimgenommen, ein junger Deutschpole hatte aus'einer bekannten Großgaststätte, wo er in der Küche arbeitete, Zucker gestohlen und ver- schoben. Zum Teil waren diese Männer schon vorbestraft.
Die restlichen Mitgefangenen saßen wegen Arbeitsvergehen. Ein junger, gut gekleideter Berliner war ohne Urlaubsgenehmigung nach Stuttgart ge- fahren, zu seiner Braut, angeblich, um sich hier trauen zu lassen. Auf der Bahn wurde er geschnappt und anstatt aufs Standesamt ging es gestern hier in das Gefängnis. Die anderen foppten ihn damit, daß. zwischen dem Braut- bett und der harten, dreckigen Matratze hier, auf der er die Nacht als Ge- fangener verbracht hatte, ein kleiner Unterschied sei.
Ein anderer Gefangener, ein biederes Schneiderlein aus einer württember- gischen Kleinstadt, hatte bisher durch Heimarbeit für einen Rüstungsbetrieb sein Brot verdient. Jetzt sollte er in dem betreffenden Betrieb arbeiten.
16


