Viele Stunden waren vergangen. Von den Fenstern der Häftlingsbaracken hatten wir wiederholt nachgesehen, was wohl der Bibelforscher machen würde. Aber immer wieder mußten wir feststellen, der sitzt eisern, der rührt sich nicht von der Stelle.
25° Kälte. Gegen Abend zog die Temperatur noch weiter an. Ein feiner, eiskalter Wind wirbelte die Millionen kleiner Eiskristalle hoch und ließ sie auf die Haut der Menschen niederregnen, daß es schmerzte. Nur eine Stunde bei diesem Wetter im Freien, und jeder sehnte sich wieder nach dem Schutz einer Behausung. Und der Bibelforscher saß nun schon viele, viele Stunden, fast den ganzen Tag, durfte nicht aufstehen, keinerlei Bewegungen machen. Wie mußte ihm zumute sein?
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Feierabend Arbeitsschluß! Die Häftlinge rückten kommandoweise zum Tor herein. Trotzdem sie im Laufschritt den Appellplatz passieren mußten, schauten sie alle zu dem sitzenden Häftling hinüber. Jetzt wurde blockweise auf den Appellplatz gerückt. Hauptsturmführer Weißenborn kam soeben zum Tor ins Lager herein. Er schritt geradewegs auf den Sitzenden zu. Als er vor ihm stand, fragte er diesen: ,, Hast du jetzt ausgeträumt? Oder wirst du diese Nacht wieder von mir träumen?- Gib schon Antwort!"
Lachend schaute er sich zu seinen Begleitern um, die aus Blockführern und dem ersten Rapportführer bestanden.
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Jedoch der Sitzende gab keine Antwort er schwieg! ,, Na, du willst wohl nicht, was?" Bei dieser Frage versetzte er dem Häftling einen Fußtritt. Aber ohne einen Laut von sich zu geben, fiel der Körper des Sitzenden nach der anderen Seite in den Schnee. Er schwieg und wird auch weiter schweigen.
Nach näherer Betrachtung erklärte der Rapportführer dem Lagerführer: ,, Der gibt keinen Ton mehr von sich, der ist verreckt!"
,, Ich habe es doch gleich gesagt, heute abend hat er aus
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