Die Masse der Häftlinge lebte in trauriger Verlassenheit dahin, ohne Hoffnung auf Besserung ihres Geschicks oder auf Befreiung, ohne Trost und Licht, Seelsorge und Betreuung, vergessen, verraten und verloren, täglich von neuem erniedrigt und beleidigt.
Einige Häftlinge, die sich vorbildlich charaktervoll hielten, taten viel, um die Moral der andern zu stärken, sie aufzumuntern, seelisch zu betreuen. So vor allem die Pfarrer Dangelmaier und Sturm, die eines Tages unter wüstem Geschrei der SA- Leute in unseren Gang hineingestoßen wurden. Man hatte sie im Zuge der Aktion gegen den Katholizismus gefangen gesetzt und behandelte sie nun hier im Lager in einer abscheulichen und erniedrigenden Weise. Sie mußten Abort schrubben und andere niedere Arbeiten verrichten, wurden dabei getreten und mißhandelt, in unflätiger Weise beschimpft. Sie ertrugen alles mit Gelassenheit und Seelenstärke, fanden bei allem abends immer noch Freude und Kraft, sich uns und unseren Nöten zu widmen und eine Stunde der geistigen und seelischen Erbauung ohne Frömmelei mit uns zu verbringen.
Ich weiß, unser Elend und Jammer im Kuhberg war nur ein Vorspiel" dessen, was später kam, ein Nadelstich, verglichen mit dem, was ihr Kameraden in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch in den Lagern erlitten habt.
Aber das, was uns angetan wurde, genügte bereits, um das Gewaltsystem der Nazis als das menschenunwürdigste aller Systeme anzuprangern, die den Völkern bisher zuteil wurden. Es ist gewiß nicht nebensächlich, in einem Buch, das mit leidenschaftlichem Ernst auf die Pestbeule des Naziverbrechertums hinweist, auch diese Anfänge der Konzentrationslagermethoden einmal kurz zu streifen und die ursächlichen Zusammenhänge in der verhängnisvollen Entwicklung aufzuzeigen.
Wir sprachen über all das, lieber Freund, und wir trafen uns auch hier in einer wahren Gesinnungsgemeinschaft, die uns noch enger befreundete. Mit leidenschaftlicher Wahrheitsliebe stellten wir das ungeheure Material der kriminellen Schuld der Naziverbrecher in den Konzentrationslagern zusammen. Mit heißem Herzen und innerster Empörung gedachten wir der Schandtaten und auch der volksverderberischen Maßnahmen der Hitlerleute. Wir waren voll Haß und Erbitterung über das, was uns in den zwölf Jahren angetan worden war. Am meisten gelitten haben wir beiden unter der Unfreiheit und
260


