Der Aufenthalt in den Festungsgängen war sehr gesundheitsschädlich. Lehmboden, aus dem Grundwasser hervorsickerte, an den Decken Tropfsteingebilde, ein dumpfes und muffiges Gemäuer. Zu Seiten der Gänge Nischen, etwa zwei Meter breit und ebenso tief. Die Nischen waren oben gewölbt. Abwechselnd standen in ihnen je sieben Kommißfallen in drei Reihen nebeneinander, links und rechts je zwei, in der Mitte drei übereinander. In den Nachbarnischen für je sieben Mann„ Aufenthaltsräume" mit Tischen und Bänken. Die Räume lagen ständig im Dämmerdunkel, das Tageslicht fiel nur schwach durch die Fensterchen herein, die in die Schießscharten der meterdicken Festungsmauern eingelassen waren. Trübes Licht der elektrischen Birnen erhellte abends notdürftig die Kerker. Dort also hausten wir Monate und Jahre hindurch, atmeten die stickige, verdorbene Luft in den überfüllten Räumen. Wie oft stand ich an den Einschnitten der Schießscharten, öffnete ein Fensterchen und suchte eine Lunge voll Luft, ein Auge voll Licht zu erhaschen. Und es war dann geradezu eine Pein, wenn die gute Luft draußen auch vor dem geöffneten Fenster wie vor einer Mauer stehen blieb. Die dicke Luft innen ließ kaum einen Hauch von außen herein. Die enge Öffnung verhinderte, daß man den Kopf hinausstrecken konnte, und so wehte mich nur selten ein Luftzug von draußen an.
Das Leben wurde härter, die Behandlung grausamer. Man versagte uns jeglichen Lesestoff, nahm uns alle Spiele weg, Karten- und Schachspiele, mit denen wir uns auf dem Heuberg manch dunkle Stunde vertrieben hatten.
Es wird viel berichtet von den Greueln und den Schandtaten in den Lagern, wenig wird gesprochen und geschrieben vom Alltag der Häftlinge, in welcher körperlichen und seelischen Bedrängnis sie die Tage überstanden. Die Ungewißheit: komme ich hier wieder heraus und wann, belastete die Moral und die Nerven, dazu die ständige Furcht vor Spitzeln und Belauerung durch die Wachmannschaften, die Enge und Dumpfheit der Räume, das drückende Eingepferchtsein in Massen, unzulängliche hygienische Verhältnisse, Abortanlagen, die jeder Beschreibung spotten, Verschmutzung, Verwahrlosung, Druck, Mißhandlung, Beschimpfung, es war ein qualvolles Dasein. Es gab große starke Männer, die moralisch zusammenbrachen. Manche wurden streitsüchtig, rauflustig, manche ließen sich als Spitzel kaufen, manche zeigten Anzeichen von Irrsinn und geistiger Verwirrung. Das Gift dieser unwürdigen, unmenschlichen Zustände wirkte sich aus.
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