als ob die Sterbenden den Atem des Lebens in sich anhielten, um ihn in dieser Stunde nicht auszuhauchen. Jeder, jeder wollte noch miterleben, was jetzt geschehen mußte. Der letzte Lebensfunke flammte auf, die Sinne schärften sich, Augen und Ohren lauschten gespannt. Die sich noch bewegen konnten, lungerten umher, hielten Ausschau. Das Zünglein an der Waage war im Begriff, auszuschlagen, wir fühlten es in nervenzerreißender Spannung. Wir warteten auf das große Ereignis. Was würde kommen? Salven der SS, Tod und Vernichtung, oder Sturm der Amerikaner, Rettung, Befreiung? Wir waren auf alles gefaßt.
Sonntag, 29. April 1945, nachmittags vier Uhr. Kanonendonner, in den letzten Tagen in gleichbleibender Stärke und Entfernung, kommt schnell näher, lauter, ganz laut. Geschosse jagen über das Lager hinweg, Gewehrfeuer hörbar. Einige Kugeln pfeifen ins Lager, an den Eingang. Der Lagerälteste gibt Befehl, alles weg von den Lager- und Blockstraßen, in die Baracken hinein. Scharfe, knappe Befehle wie Pistolenschüsse. Das Lager bleibt ruhig, es ist fest in der Hand unserer aktiven Kameraden.
Und die SS? Warum handelt sie nicht? Hat sie eine besondere Teufelei vor? Will sie das ganze Lager in die Luft sprengen, vergasen oder vergiften? Wird etwas Schreckliches passieren? Spielt der Teufel seinen letzten Trumpf aus? Dreiundreißigtausend Todgeweihte! Werden wir diese Stunde überstehen? Viele zweifeln, verzweifeln, rühren sich nicht, sind wie betäubt.
Unheimlich, diese Ruhe. Es ist, als halte die fortschreitende Zeit für Minuten in ihrem Gang inne. Wir spüren, eine weltgeschichtliche Stunde hat geschlagen, die mehr bedeutet, als nur das Schicksal von Konzentrationslagern, das Schicksal von Völkern. Das Werk des Bösen, aufgetrieben zum wildesten und wüstesten Furioso, dargestellt in Versklavung der Völker und Miẞhandlung der Menschen ohne Maß, ist zerschlagen, liegt in den letzten Zuckungen. Wird sich die Bestie nochmals aufbäumen, um uns zu verschlingen? Dreiunddreißigtausend? Dreiunddreißigtausend!
Qualvoll diese Ruhe, die unsere innere Unruhe verbirgt. Was wird mit uns geschehen? Nichts denken, nichts denken!
Bomber fliegen über uns weg. Lähmendes Entsetzen befällt alle bei dem gleichen Gedanken: jetzt machen die Nazis vielleicht einen fingierten Fliegerangriff der Amerikaner, um den Alliierten dann die Vernichtung der KZ- ler
245


