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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Revoltenstimmung. In den SS- Depots gab es noch zu essen. Schlagt sie tot, die Werwölfe! Dann können wir leben. Ich kam mir vor wie im Trichter eines unterirdisch tätigen Vulkans, der jeden Augenblick ausbrechen und Feuer speien konnte.

Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Wie lange noch... einen Tag, zwei Tage? Wurde im letzten Augenblick von der SS noch ein Blutbad ver­anstaltet? Kamen die Amerikaner rechtzeitig an? Schnell und überraschend? Nur eine Überrumpelung des Lagers und der SS konnte uns retten. Es durfte keine Zeit bleiben, uns zu vernichten.

Was hat sich in diesen letzten dramatischen Tagen in Dachau wohl alles getan, welche Auftritte und Ereignisse in dieser Tragödie spielten sich ab, die unser Schicksal betrafen und bestimmten. Oft hing gewiß unser aller Leben an einem Haar. Die Untermenschen waren zu allem entschlossen, sie berat­schlagten sicher mehr als einmal über unsere Liquidierung, sie waren zugleich toll und verwirrt, gewalttätig und schwach, Irre in einem Tollhaus. Befehle und Gegenbefehle ergingen. Zeitweise waren alle von der Außenwelt ab­geschnitten. Miẞverständnisse, Schwierigkeiten in der Nachrichtenübermittlung, Zwischenfälle aller Art verhinderten entscheidende Maßnahmen. Zum Schluß ließ man alles gehen wie es wollte, alles ging im allgemeinen Strudel unter. Die körperliche Erschöpfung und der seelische Druck nahmen in einem un­erträglichen Maß zu. Die Krise näherte sich ihrem Höhepunkt. Die Lage war verzweifelt. Es kam der Tag, an dem die illegal tätigen Antifaschisten zu einer geheimen Sitzung zusammentraten und Sofortmaßnahmen beschlossen, koste es was es wolle. Die Entscheidung über Sein oder Nichtsein mußte inner­halb vierundzwanzig Stunden herbeigeführt werden. Das Lager war fest in den Händen der Antifaschisten, aber wenn eine Katastrophe von unabsehbaren Ausmaßen verhindert werden sollte, durften keine drei Tage mehr verstreichen. Es mußte unverzüglich gehandelt werden. Wo blieben die Amerikaner? Unse­rer Berechnung nach mußten sie bereits da sein. Es war dringend erforderlich, sofort Verbindung mit ihnen aufzunehmen, sie über die katastrophale Lage im Lager zu unterrichten, ihnen nützliche Fingerzeige und Winke zu geben und mit ihnen zu beraten, wie das Lager und die SS- Mannschaft am besten zu überrumpeln seien. Nur schleunige Hilfe konnte noch wirksam werden.

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