diesen Befehl auszuführen. Er soll sich geweigert haben und deshalb von den Mordbanditen Ruppert und seinen Spießgesellen umgebracht worden sein. Das Damoklesschwert hing über uns, ein riesiges Fallbeil. Würde es in der Schicksalsstunde herabsausen und uns allen mit einem Streich die Köpfe abschlagen?
Wir wenigen, die etwas wußten, durften nicht reden, um das Lager nicht noch mehr in Unruhe und Aufregung zu versetzen. Gingen doch ohnehin genug alarmierende Gerüchte und Parolen herum! Das schwirrte und wirrte wild durcheinander. Wißt ihr's schon? Die Luftwaffe soll gegen uns eingesetzt werden. Die macht dann reinen Tisch bei uns. In fünf Minuten sind wir alle erledigt!"" Draußen bei Schleißheim ist ein SS- Kommando mit Artillerie aufgerückt. Das soll uns zusammenschießen."" Man will uns noch in SS- Uniformen stecken, dann sollen wir das Lager verteidigen."" Ach was, das haben die alles nicht nötig. Es dauert noch mindestens acht Tage, bis die Amerikaner kommen, und dann lebt keiner mehr von den dreiundreißigtausend. Was essen wir heut, was essen wir morgen? Nichts? Wer gibt dir was? Niemand. Es ist nichts da."
Ja, es gab nichts mehr. Soviel wie nichts. Wenn es gut ging, kamen mal ein paar Brote, einige Körbe voll Rüben, Kraut oder Kartoffeln herein. Es reichte nicht hin und nicht her. Wir fraßen, was zum Kauen zwischen die Zähne taugte. Manche wurden irrsinnig in Hungerdelirien, wühlten in Dreck und Abfällen wie Hunde. Die Leichenhaufen konnten nicht mehr beiseitegeschafft werden. Der Verwesungsgeruch war unerträglich.
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Sämtliche dreiundreißigtausend Insassen des Lagers standen buchstäblich vor dem Hungertode. Es war auszurechnen, bis wann unser aller Ende bei solch einer Verpflegung" eintreten würde. Eine Änderung zu unseren Gunsten durfte keine acht Tage mehr auf sich warten lassen, sonst wurde das Lager Dachau Massengrab und Friedhof der letzten Armee politischer Häftlinge und Opfer des Naziterrors.
Die Nazis machten einen Evakuierungsversuch. Ein Transport von über achttausend Mann wurde in Marsch gesetzt, wahllos Angehörige aller Nationen. Wir wußten, die meisten von ihnen gingen in den Tod. Denn sie waren bestimmt mehrere Tage unterwegs, ohne Verpflegung, krank und erschöpft. Wer unterwegs schlapp machte und umfiel, wurde von der SS mit dem Ge
Kunter- Wittmann, Weltreise 16
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