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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Die letzten zehn Tage

Die Nacht weicht nicht aus den Baracken. Dumpf und dunkel ist's ringsum. Herbst im Frühling. Es riecht nach Sterben und Verwelken. Die Apokalypti- schen Reiter sind bei ihrem Ritt über Europa in unserem Lager angekommen. Die Hufe ihrer Pferde trampeln uns zusammen, viele werden tödlich getroffen. Die Schwingen des Todesengels rauschen über uns hinweg. Es tost in den Lüften von den wüsten Horden des Todes. Die Elemente sind entfesselt. Der Himmel ist verdüstert. Die Welt ist im Aufruhr, das Universum scheint aus den Fugen zu gehen. Ich liege im Alptraum. Meine Kameraden auch. Eine kosmische Wolke düsteren Schicksals senkt sich auf uns herab. Aaaeehhhh! Einer schreit in Todesangst unter dem Alp. Der Weltenbau stürzt zusammen. Die Erde klafft auf, Satanas steigt aus Schwefel und Dampf triumphierend empor. Die Gräber öffnen sich. Leben kommt in die Gebeine und Klapper- gestelle. Die Knochengerüste führen einen grausigen Totentanz auf. Die Hölle ist entfesselt. Haltet uns, wir versinken im Chaos, in der Hölle und im Ver- derben. Hilfe! Hilfe!

Ich schwitze im unruhigen Halbschlaf. Über zwei Fallen hatten wir Ver- bindungsbretter gelegt, und auf dem dadurch entstandenen Quadrat lagen wir nun zu sechst. Die Baracke ist mit fünfhundert Mann mehr als doppelt belegt. Zu Knäueln liegen die Menschen neben-, unter- und übereinander, fiebern, phantasieren, dünsten aus, stöhnen in Verwahrlosung und in Angstträumen, stinken, sterben. Man erstickt fast in Gestank und verdorbener Luft, liegt wie betäubt. Die Unglücklichen stöhnen und ächzen im Schlaf. Die meisten ver- bringen halbe Nächte schlaflos, dösen dahin, schrecken von Zeit zu Zeit auf. Alle sind voller Unruhe und Spannung. Was wird der Tag wieder bringen? Jeder Tag bringt uns dem Grabe näher oder der Freiheit? Dann dürfen es

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