stellten immer noch einen Wert dar, den man den Ärmsten nicht lassen wollte.
Hyänen und Leichenfledderer waren diese Mörder obendrein. Goldzähne wurden den Opfern ausgebrochen und Ringe von den Fingern gestreift, ehe man sie nach der Erschießung ins Krematorium brachte.
Acht, vierzehn Tage lebte ich so dahin, umgeben von Tod und Verderben, in einer Blutvision von Scheusäligkeit und Verbrechen. Meine Sinne stumpften sich ab. Meiner Augen wurde ich leid, die so etwas sehen mußten. Ich schloß mein Herz und alle menschlichen Regungen wie mit einem Riegel ab, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich sah Qual und Not im Unmaß, es war unerträglich. Ich sah Berge von Töten, wie Brennholz lagen die nackten Skelette überein- andergeschichtet. Ich sah, wie die Toten gleich Viehkadavern auf Wagen ge- worfen und nachher verscharrt oder verbrannt wurden. Nicht schwach werden, sonst kann es einem geschehen, daß man geschwind selbst unter die Leichen gerät. Manch einer neben mir sinkt um, ist tot. Oder vielleicht doch nicht ganz? Man kann nicht lange untersuchen. Ach, er ist sicher tot. Hinauf auf den Karren, auf die Fuhre von Leichen.
Die Karren und Wagen fahren unablässig. Die Leichen werden zusammen- getragen. Da und dort nimmt man so nebenbei einen mit, der eben erst umfiel und in dem kein Leben mehr ist. Sie schleppen sich dahin, rutschen vor Ent- kräftung in den Dreck und stehen nicht mehr auf. Manche können den Weg zur Latrine nicht mehr verkraften. Es reicht nicht zurück in die Baracke, sie verenden unterwegs. Gespenster und Spukgebeine wimmeln da um mich her- um. Verliere ich meinen Verstand, leide ich an Halluzinationen?
Wenn’s gut geht, täglich hundertfünfzig Gramm Brot und eine dünne Suppe aus„Nährmitteln”. Die Kräfte der Menschen nehmen rapid ab. Wenn nicht bald Hilfe kommt, müssen wir alle elendiglich zugrunde gehen. Die Lager- verwaltung kümmerte sich nicht mehr um uns, hatte wohl auch keine Möglich- keit mehr, uns zu verpflegen. Sehr viele unserer Peiniger waren schon ab- gerückt, in die Berge. Sie hatten große Lebensmittelbestände mitgenommen, raubten uns das Letzte weg. Die Lagerleitung und das übrige Personal waren um mindestens zwei Drittel ihres Normalbestandes zusammengeschrumpft. Es hieß bereits: die Ratten verlassen das sinkende Schiff. Aber sie würden wohl nicht weit kommen, jedenfalls nicht über den Abgrund hinweg, den sie sich selber geschaffen hatten.}
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