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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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draußen zu verrichten. Manche machten unter sich. Es stank in den Baracken schrecklich.

Täglich kamen neue Transporte von Häftlingen aus allen Gebieten. Es waren keinerlei Unterbringungsmöglichkeiten mehr vorhanden. Wahllos verteilte man die Leute auf die Baracken, ohne zu fragen, wie man für sie noch Platz schaffen solle. Es schliefen oft vier, fünf Häftlinge in zwei nebeneinander­gestellten Fallen. In Decken gewickelt, legten sich die Neuangekommenen irgendwohin, unter Tische und Betten, auf die Bänke und den Boden. Die Brüder Hubmann bugsierten mich glücklich in eine Falle hinein, die sie, nur mit einem Mann belegt, noch hatten freihalten können. ,, Es liegt ein Musel­mann drin. Er ist krank und schwach, aber ungefährlich. Und dabei nimmt ja das dürre Bündel nicht viel Platz weg. Du kannst es dir schon etwas bequem machen."

Der Inhaber des Bettes nickte gewährend mit dem Kopf, als wir ihm er­klärten, was wir vorhatten und was sein müsse. Er rückte gegen die Wand, lag. schmal wie ein Brett. Ich legte mich zu ihm hinein. Es ging ganz gut; ich spürte ihn kaum. Obwohl ich innerlich ganz durcheinander und sehr aufgeregt war, schlief ich bald ein, von unruhigen Träumen geplagt, aber doch ohne Unter­brechung die ganze Nacht durch.

Am andern Morgen mußten die Arbeitsfähigen antreten. Sie wurden alle zum Innendienst eingeteilt: Platz schaffen für die ununterbrochen herzu­strömenden Scharen verelendeter Menschen, Kranke pflegen und Tote weg­bringen.

Die meisten Kranken konnten in den Revieren nicht mehr untergebracht werden, mußten in den Baracken bleiben. Dort starben viele. Morgens und tagsüber trugen wir Tote heraus oder brachten Kranke, die von ansteckenden Seuchen befallen wurden, in die Seuchenlazarette.

Es kamen täglich Hunderte um. Typhus und andere Seuchen forderten die meisten Opfer. Im Krematorium war Hochbetrieb, aber auch in den Gas­kammern. Die Brutalitäten und Schindereien der SS gingen bei allem weiter. Von Zeit zu Zeit krachten die Salven. Dann hatten auf dem Schießstand wieder Erschießungen stattgefunden. Wie mag wohl das letzte Stündlein all der vielen gewesen sein, die erschossen wurden! Im Holzschuppen neben der Hin­richtungsstätte mußten sie sich nackt ausziehen, denn ihre armseligen Lumpen

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