An einem Tag aber hatte ich ein eigentümliches Gefühl. Als Alarm erfolgte, schloß ich mich den andern an, doch schon auf halbem Weg zu den Gräben kam Entwarnung. Meine Kameraden lachten mich aus und spotteten:„ Da schau her, der Küchenkapo kriegt es auch mit der Angst. Gib nur acht, daß die Bomben nicht mal Gulasch aus dir machen und dich stücklesweis in die Kessel schmeißen. Da kriegen wir mal einen ordentlichen Fleischtag!"
Am Nachmittag gab es wieder Fliegeralarm. Ich blieb im Haus mit dem Stubenältesten Otto Elsenhans. Auch der Graf blieb da und sein Helfer Loisl. Wie das Gebrumm näherkam, war ich oben im Schlafsaal und stand mit Elsenhans am Fenster." Otto", sagte ich, ich weiß nicht, mir ist mulmig zumut, ich glaube, wir kriegen was ab."
Da pfiff und zischte es auch schon herunter. Wir hinaus aus dem Saal, mit zwei Sprüngen zur Treppe, aber da faßte uns der Luftdruck einschlagender Bomben und warf uns Hals über Kopf die Treppe hinunter. Ich dachte, der Weltuntergang sei gekommen. Das ganze Gebäude fing an zu hupsen und zu schaukeln, Wände stürzten ein, Risse entstanden, das Dach klatschte herunter, Fensterscheiben klirrten. Ein ungeheures Krachen und Getöse. Wolken von Staub und Dreck. Das Gebäude war halb zerstört, von Bomben, die unmittelbar daneben einschlugen, eingedrückt. Ich rannte hinaus; ein Bild höllischer Verwirrung, ein Schlachtfeld. Alles rannte wild durcheinander. Überall lagen Tote und Verletzte herum, Arme, Beine, Köpfe, Gliedmaßen, zerfetzte und verstümmelte Menschen. Es war ein grausiger Anblick.
Die meisten Häftlinge waren während des Angriffes aus ihren Splittergräben herausgesprungen und ins freie Feld gelaufen, viele hatten auch die Gräben gar nicht erreicht. Den Menschenknäuel da unten hatten die Flieger vielleicht für Militär gehalten und außer den unzähligen Brandbomben auch Sprengbomben geworfen. Daher die vielen Toten.
Die Flieger hatten ganze Arbeit gemacht. Die Beschädigungen waren so schwer, daß an eine geordnete Wiederaufnahme der Arbeit nicht mehr zu denken war. Außerdem war die amerikanische Armee bereits weit nach Deutschland hereingekommen; es hieß, sie sei nahe der bayerischen Grenze, weniger als hundert Kilometer von uns entfernt. Also alles schon in Auflösung. Die Maschinen wurden abmontiert, was brauchbar war, abgerissen oder eingepackt und wo anders hin verfrachtet. Die Häftlinge mußten ein paar Tage
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