Die Posten kümmerten sich nicht mehr um uns. Sie sind schneller gelaufen als wir.
Wir hatten Glück. In hundert Meter Entfernung hörte der Bombenregen auf. Die Arbeitsstellen waren zusammengeworfen. Doch ließ man die Ruinen notdürftig wieder herrichten, um weiterzuarbeiten. Eine Bombe war ins Lager gefallen, hatte drei Baracken wie Kartenhäuser umgelegt. Es war ein Wunder, daß unter den Häftlingen keine Toten zu verzeichnen waren.
Ich hatte am Tag zuvor dem Oberscharführer Strauß mitgeteilt, daß ein Teil der Wurst schimmelig geworden sei und verderben werde. Man müsse sie schnell verbrauchen. ,, Wozu bist du Koch?" fistelte er. ,, Du mußt dir's eben einteilen. Jedenfalls bekommst du zusätzlich nichts."
Ich sah jetzt nochmals die Bestände durch und stellte fest, daß ein großer Teil der Wurst fast ungenießbar sei und nur noch dem Verbrauch zugeführt werden könne, wenn sie schleunigst verkocht würde. Kurz entschlossen tat ich den ganzen Bestand ins Mittagessen. So kam sie doch noch den Häftlingen zugute, und sie hatten ein ordentliches Mittagessen nach dem Bombenangriff, der sie doch auch ziemlich mitgenommen hatte.
Am Nachmittag stellte mich der Giftmolch. Was hast du mit der Wurst gemacht? Bist du verrückt geworden?"
,, Herr Oberscharführer", sagte ich ruhig, die Wurst hätten wir eigentlich in den Abfall werfen müssen. Ich habe sie im letzten Augenblick mit verwendet. Besser hätte ich sie nie mehr verwerten können."
Der widerliche Bösewicht raste, was allerdings mehr komisch als furchterregend wirkte. Das wird dir schlecht bekommen", drohte er.„ Das ist Eigenmächtigkeit, Sabotage." Bei dem letzten Wort überpiepste sich seine Stimme und er schluckte an dem Wort wie ein Kicker an einem zu großen Bissen. Er jammerte wie ein altes Weib mit seiner weinerlichen Stimme.
Er hatte sich seit kurzem mit Weidner und Romada zusammengetan, mit denen er zuvor nicht gerade auf gutem Fuß gestanden war. Die edlen Parteigenossen betrachteten einander in ihren Gaunereien wohl zu sehr als Konkurrenz und neideten sich gegenseitig die besten Brocken. Jetzt war es anscheinend zu einem gentleman agreement" zwischen ihnen gekommen und damit zu einer gemeinsamen Front gegen mich. Denn ich war auch mit den beiden Spitzbuben Weidner und Romada schon aneinandergeraten, als sie es
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