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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Wittmann, das ist doch sicher zuviel Margarine, die du da für das Essen zugerichtet hast!" Eine piepsige, hohe Kastratenstimme klang an mein Ohr. Ich drehte mich um und stand stramm vor einem kleinen Männlein. Es war der Herr Oberscharführer Strauß, eine häßliche Gnomengestalt, x- beinig und mickrig. Ich konnte den Kerl wirklich nicht ernst nehmen, und glaubte auch, daß er sicherlich harmlos sei. Da hatte ich mich aber getäuscht. Er war ein widerlicher, habgieriger Gesell, eine Qualle, dachte ich manchmal, die man zerdrücken sollte. Er war befreundet mit dem Oberscharführer Eichholzer von der Lebensmittelversorgung Dachau . Wahrscheinlich haben sie beide Hand in Hand gearbeitet und kräftig miteinander geschoben.

Er piepste mir dauernd die Ohren voll, es müsse gespart werden. Manch­mal drohte er mir sogar, er lasse mich prügeln, wenn er mich dabei ertappe, daß ich mehr als die vorgeschriebene Menge Zutaten beim Kochen verwende. ,, Es ist immer weniger als vorgeschrieben, Herr Oberscharführer", erwiderte ich, meinen Zorn kaum verbergend. Weil zu viel Schwund da ist."

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Er guckte mich giftig an, denn er merkte wohl den Hohn und den ver­steckten Vorwurf aus meinen Worten heraus. ,, Bursche, Bursche, nimm dich in acht, du krummer Siech, ich schmeiße dich in deinen Kessel hinein, daß du schmorst."

Ich wußte nicht, ob er das witzig meinte. Dem Ton nach nicht, denn er war offensichtlich voller Wut gegen mich. Aber ich mußte mir doch ein Lachen verbeißen, eben darum, weil er ernstlich drohte. Solch eine Miẞgeburt nannte mich, der ich fest und stark bin und eine richtige Sportfigur habe, einen ,, krummen Siech"! Und der wollte mich in den Kessel mit siedendem Wasser schmeißen! Weiß Gott , ich hätte ihn mit einer Hand gelupft und hinein­geschmissen, daß sich das Schleimtier in Nichts aufgelöst hätte!

Als ich etwa ein Jahr im Lager war, widerfuhr uns allen eine große Freude: der Lagerführer Wilhelm und sein Intimus, der Kuchalewski, wurden straf­versetzt. In ihrem Rausch hatten sie einmal aus den Fenstern heraus wild in die Gegend geschossen und sonst allerhand Unfug getrieben. Dadurch waren einige Leute verletzt worden, zum Unglück auch ein SS- Mann. Das war ein kleines Mißgeschick gewesen. Hätte er nur Häftlinge getroffen, dann wäre sicher nicht so viel Aufhebens von der Sache gemacht worden.

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