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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Im Januar, in der bittersten Kälte, als auch meine Stimmung und Wider­standskraft auf dem Nullpunkt angelangt war, trat unverhofft eine günstige Wendung für mich ein. Ich wurde in die Schmiedewerkstatt abkommandiert. Dort war ich doch vor der furchtbaren Kälte geschützt. Ich empfand das fast als Lebensrettung und war herzlich froh, daß das Glück mir mal wieder hold gewesen war. In der Schmiede wurden vor allem Spitzmeißel hergestellt, die die Steinmetzen in den Mahlen zur Bearbeitung der Steine benötigten. Die Arbeit war wohl auch anstrengend, aber doch gleichmäßiger und nicht so von der Aufsicht bedrängt. So kalt es vorher gewesen war, so heiß hatte ich es jetzt. Weißglühende Feuer in den Ofen. Die Arbeit daran konnten natürlich auch nur harte, widerstandsfähige Menschen ertragen. Auch hier hatten wir oft Abgang. Mancher galt als nicht brauchbar in der Schmiede und tauchte wo anders, manchmal sogar im Steinbruch, wieder auf! Es hielt sich hier jeder so gut er konnte, es galt der Spruch: selten kommt etwas besseres nach!

Ich ertrug die übergroße Hitze ziemlich gut, war sie von manchen Fahrten über den Ozean gewöhnt; hatte ich doch auf dem und jenem Schiff als Kohlen­trimmer oder Hilfsheizer gearbeitet! So fand ich es im allgemeinen ganz erträglich auf meinem Arbeitsplatz. Es vergingen Wochen, wo ich fast un­belästigt und im mäßigen Tempo arbeiten durfte.

Doch mit des Geschickes Mächten...

So wie ich Glück im Unglück gehabt hatte, als ich hierher abkommandiert wurde, so hatte ich an dieser Stelle bald mal Unglück im Glück.

Eine Zeitlang erhielten wir zum Mittagessen dauernd gefrorene Kartoffeln, die kaum genießbar waren. Um die zuträglicher und schmackhafter zu machen, fertigten wir aus dünnem Draht Kartoffelstampfer an, mit denen wir bei den Mahlzeiten die Kartoffeln zerkleinerten und zu Brei verrieben. Die primi­tiven Dinger hatten wir an meinem Feuer hergestellt, und ich selbst hatte mir alle Mühe damit gegeben.

Befehl: Alle Häftlinge in der Schmiede zum Scharführer Gruber. Uns ahnte nichts Gutes. Wir dachten auch gleich an die heimlich hergestellten Kartoffel­stampfer. Hatte uns jemand verpfiffen?

Im Hausgang der Bude im Steinbruch, in der der Scharführer Gruber resi­dierte, traten wir an. Gruber war einer der schlimmsten Menschenschinder des

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