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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Glückspilz und Pechvogel

Es ging tiefer in den Winter hinein. Die Kälte und die Furcht davor hockten mir in den Gliedern. Mir graute oft vor dem kommenden Tag. In letzter Zeit fühlte ich mich gar nicht wohl. Mit Schaudern erfüllte mich der Gedanke, daß ich krank werden und meine Widerstandskraft verlieren könne. Dann war ich verloren. Über kurz oder lang gingen alle ein, mit denen es anfing, bergab zu gehen. Es gab viele Muselmänner, die vor Monaten noch groß und stark gewesen waren. Herrgott, wenn ich dachte, ich ein Muselmann! Ich sann hin und her, wie ich es anstellen könne, mal in ein anderes Kommando zu kom­men, in eine Werkstätte oder gar in die Küche oder sonst in einen Innen­dienst. Da war es doch wenigstens nicht kalt und nicht so kräftezehrend. Aber die Leute, die noch einigermaßen gut beieinander waren, ließ man nicht aus dem Steinbruch los. Ich gehörte zu den ,, oberen Tausend", die verhältnismäßig gut bei Kräften waren und da war an einen Kommandowechsel für mich nicht zu denken.

Ab und zu wollte sich meiner eine Verzweiflungsstimmung bemächtigen. Sofort kämpfte ich sie jedoch mit eiserner Energie nieder. Zwanzigmal hinter­einander wiederholte ich für mich dann wohl die Zauberformeln, daß ich hier nicht zugrundegehen dürfe. Ich suggerierte mir systematisch Kraft und Mut zum Durchhalten. Und das half mir wirklich dazu.

Tag für Tag zog ich mit dem Gespensterzug zum Steinbruch und zurück, brachte abends die mit heim, die auf der Straße geblieben waren. Ohne Aus­sicht auf Befreiung, ohne Hoffnung auf bessere Tage schleppten wir unser armes, gequältes Leben dahin. Nur noch ein dünner Lebensfaden war in den ausgemergelten Gestalten. Bei vielen riẞ er ab.

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