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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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Essen. Wie geht's daheim? Nachrichten von der Frau. Wie geht der Krieg aus? Kommen wir wieder hinaus oder nicht? Lange Erörterungen über Ent­lassungsmöglichkeiten. Tausend Gerüchte und Parolen.

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Man kann sich freiwillig zur Wehrmacht melden. Man kann sich einem Kommando zuteilen lassen, das Blindgänger und Zeitzünder nach Bomben­angriffen sicherstellt. Nach zwanzig Einsätzen wird man zur Belohnung ent­lassen. Allgemeine Amnestie für Häftlinge, die mehr als fünf Jahre da sind, in Aussicht. Fünfzig Prozent der Häftlinge werden entlassen. Die Lebensmittelzufuhr ist herabgesetzt worden. Hundert Kleinigkeiten werden an den Haaren herbeigezogen, um Anzeichen für baldige Entlassung zu kon­struieren. Seit Jahren tagein, tagaus das gleiche.

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Es pfeift zur Arbeitswiederaufnahme. Scheißhausparolen", bemerkt einer laut und abschließend.

,, Und die Vergünstigung für das Zeitzünderwegräumen gibt es nur für Zuchthäusler, nicht für uns", setzte einer im Laufschritt mit einem andern noch kurz das Gespräch fort.

Ach, wie ist der Nachmittag lang, bitterhart, bitterkalt. Die letzten Stunden beanspruchen die letzte Kraft. Leer und ausgelaugt sind die Glieder, apathisch schleppt man sich dahin, schuftet, keucht, überanstrengt sich, nimmt sich zu­sammen, um nicht aufzufallen und mißhandelt zu werden. Feierabend. Viel­leicht eine Stunde heute abend. Stillsitzen. Ausruhen. Vielleicht etwas zu rauchen. Der Gedanke hält aufrecht.

Endlich der erlösende Pfiff. Es ist fünf Uhr. Einrücken.

Müde und abgearbeitet zieht sich die lange Kette der Elenden auf der Straße ins Lager zurück. Hinter ihr noch ein besonderer Zug. Der sieht aus wie ein Leichenzug. Nein, er sieht nicht nur so aus, sondern er ist ein Leichenzug. Eine Kolonne für sich. Träger mit Unglücklichen, die tagsüber zusammen­gebrochen sind, meist solche, die die letzten zwei Stunden doch nicht mehr ausgehalten haben. Bewußtlose, Erschöpfte, Kranke, auch Tote.

Alle, die noch ein bißchen stabil sind, müssen Träger machen. Auch ich. Mein guter Kamerad Alfred neben mir. Mensch, Alfred, du, ich glaube, der ist schon tot. Eiskalte Beene hat er. Oder vielleicht hat er sie erfroren.". Hof­fentlich ist er tot, bis wir heimkommen. Sonst schmeißen sie ihn im Revier ja doch in kaltes Wasser, daß er vollends kaputtgeht.

Kanter- Wittmann, Weltreise 13

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