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Weltreise nach Dachau : ein Tatsachenbericht nach den Erlebnissen des Weltreisenden und ehemaligen politischen Häftlings / Max Wittmann ; aufgezeichnet von Erich Kunter
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,, Mensch, red nicht so dalket daher! Du frißt und rauchst noch Gras im Frühjahr, wie wir andern auch."

Die letzte Viertelstunde stehen die meisten in kleinen Gruppen beieinander und unterhalten sich. Immer die gleichen Gespräche. ,, Du, ich habe gehört, heute soll es Suppe geben.", Nein, es gibt wieder Kaffee."" So und was dazu?"" Wahrscheinlich Brot und Margarine." Essen, Trieb, Sehnsucht, Wunsch­traum. Essen, nur wieder mal sich sattessen. Das ist zum manischen Gedanken und Wunsch geworden.

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Bei verschiedenen Gruppen Tuscheln, Politisieren. ,, Du, die Deutschen sollen in Rußland weit zurückgegangen sein." Wenn die Russen sie nur ganz raus­schmeißen und uns befreien würden!" ,, Uns befreien? Bis die hier sind, haben uns die Verbrecher längst alle kaltgemacht!"" Hitler den Krieg gewinnen? Verrecken wird er an seinem eigenen Krieg!"" Aber was geschieht dann mit uns, die schlachten uns vorher ab!"" Und wenn er den Krieg gewinnen würde, meinst du, dann kämen wir hier raus? Dann ging's erst recht über uns her. Dann schnappen sie in ihrem Größenwahn ganz über und machen mit uns, was sie wollen. Was denkst du, wie wir schuften müßten am Straßenbau und in den zerstörten Städten! Und was glaubst du, was die SS mit uns macht, wenn sie zurückkommt? Sie werden uns alles heißen, Lumpen, Vaterlands­verräter, Kommunisten. Ihr habt euch hier herumgedrückt, ihr Faulenzer, werden sie sagen, und wir sind draußengestanden und haben uns die Knochen kaputtschießen lassen. Also, das wäre unausdenkbar schrecklich für uns und das ganze deutsche Volk, nein, für alle Völker, wenn die Nazis ihre Herrschaft ausdehnen könnten. Aber es ist ja lächerlich, darüber zu sprechen, daß die Nazis den Krieg gewinnen könnten. Jetzt kommt auch der Amerikaner hinzu, und der macht sie restlos fertig."

,, Schon recht. Aber wir sind so oder so erledigt. Ob wir den Krieg gewinnen oder nicht."

,, Du unkst immer dasselbe. Ich sage dir, wir sind nächsten Herbst zu Hause bei Muttern."

,, Und du prophezeist immer dasselbe, Alfred. Nächste Weihnachten, nächste Ostern, Pfingsten, Herbst. An deiner Großmutter ihrem Geburtstag."

Ich schlendere an verschiedenen Gruppen vorbei. Überall vernehme ich Ge­sprächsfetzen über Themen, um die die Gedanken aller kreisen.

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