,, Nein", entgegnete er ,,, ich bin ein schwacher und kein guter Mensch. Ich komme nicht davon." Mit diesen Worten verschloß er sich ganz vor mir, zog sich noch mehr in seine Umhüllung und sein Gespensterdasein zurück.
Ich hatte auf das eine Wort gehofft. Es kam nicht. Aber das, was mir der Muselmann sagte, war schon genug an Trost und Wärme. Ich war ihm aus Herzenstiefe dankbar.
Jetzt gab ich ihm das rechte Wort." Guter Kerl", sagte ich zu ihm. ,, Ob du nun mal gut oder schlecht warst, du bist zum guten Kerl geworden." Damit legte ich ihm die Hand auf den Kopf. So blieben wir lange und schweigend beieinander. Es war ganz still um uns. In der Baracke war niemand sonst. Die Kameraden waren bei der Arbeit draußen. Heiliger Frieden ringsum. Ein stiller Winkel in der Hölle.
Allzubald wurde unser Idyll gestört. Die Kameraden kehrten zurück. Sie trugen die Pein und Drangsal ihres Tages herein. Eine besondere Aufregung heute: die Häftlinge Schlemmer und Kneisel hatten eine günstige Gelegenheit zur Flucht ergreifen wollen. Sie waren aber nicht weit über den Steinbruch hinausgekommen. Da wurden sie bereits entdeckt und festgenommen. Sie wurden zu fünfzig Stockschlägen verurteilt, außerdem zu einer Stunde Baum.
Den ersten Teil der Strafe hatten sie schon überstanden. Die blutige Masse des Hinterteils war ihnen vom Sanitäter mit Jodtinktur eingerieben worden. Nun wurden sie der zweiten Folter unterzogen. Sie kamen an den Baum. Es wurden ihnen die Hände auf den Rücken gebunden und so wurden sie an einen Baum nach hinten aufgezogen. Derart hingen sie eine Stunde, mit verrenkten Gliedern, ausgekugelten Gelenken. SS- Männer machen sich ein Vergnügen daraus, die zu entsetzlichen Qualen Verurteilten noch besonders zu quälen. Sie schlagen mit der Reitpeitsche auf die Unglücklichen ein, drehen sie im Halbkreis nach rechts oder links, kitzeln sie an verschiedenen Körperstellen, verhöhnen und beschimpfen sie.
Danach kamen die beiden Unglücklichen ins Revier. Wir rechneten damit, daß bald ihr Tod bekanntgegeben würde. Aber das Wunder geschah, sie überstanden auch die letzte Prüfung. Sie wurden dann in die Strafkompanie eingereiht.
In der Strafkompanie wurde sonntags wie wochentags gearbeitet. Die Kost war noch schmaler, die Behandlung noch schlechter als allgemein im Lager.
Kunter- Wittmann, Weltreise 12
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