kommen! Versetze dich in ihre Lage: sie hatten einmal ein Heim, ein bescheidenes, normales Leben. Dann eines Nachts Pochen, Lärm. Verhaftung. Hinaus in Nacht und Dunkel. Und dann der endlose Weg der Leiden und das Ende: eine Leiche unter einem Berg von Leichen. Männer, Frauen, Kinder untereinander. Zu Tode gemarterte Menschen. Angehörige weinen um sie und verzweifeln. Stelle dir so eine Reihe von zweihundert Menschen vor, die auf diese Weise sinn- und erbarmungslos ins Elend kommen und hingemordet werden! Alles Menschen aus Fleisch und Blut, die nichts wollten, als ihr bescheidenes kleines Dasein leben. Und das schreckliche Schicksal all dieser verbirgt sich hinter ein paar Worten, anonym und unverantwortlich:„ Zugang am 15. Dezember fünfzig Mann, Abgang achtundvierzig Mann".
Würde ich mich auch einmal unter den täglich vierzig bis sechzig Mann Abgang befinden? Ich spannte alle Kräfte des Willens und des Lebens in mir an, um mich möglichst stark zum Durchhalten zu machen. Ich wußte, wer nachließ, war verloren. Es kam alles darauf an, einen einzigen Gedanken unablässig zu pflegen: ich will hier nicht verrecken!
Manchmal fühlte ich mich sterbenskrank, legte mich abends mit Fieber ins Bett. Aber ich sträubte mich mit allen Energien dagegen, ernstlich krank zu werden und etwa ins Revier zu kommen. Über diesen Ort, an dem wenige Kranke gesund wurden, aber viele starben, gingen dunkle Geschichten um. Die meisten Häftlinge, die ins Revier eingeliefert wurden, waren so krank und schwach, daß sie für lange Zeit arbeitsunfähig waren. Bei sehr vielen bestand kaum Aussicht, daß sie jemals wieder zur Arbeit eingesetzt werden konnten. Von Zeit zu Zeit erschien der Revierarzt in der Krankenbaracke, sah sich die Kranken an und zeichnete im Vorbeigehen ein Dutzend Menschen durch einen Wink der Hand mit dem Todesmal. So entschliefen über Nacht im Revier fortwährend viele Kranke. Der Revierkapo, ein Grüner namens Max Neel, ein gefügiges Werkzeug des skrupellosen Arztes, hat gewiß Hunderte von Menschen auf dem Gewissen. Denn die meisten von denen, die starben, hätten bei sachgemäßer Behandlung und ordentlicher Verpflegung gerettet werden können.
Die fettlose, magere Kost führt zu Durchfallepidemien. Die Mehrzahl der Häftlinge litt an ruhrartigen Erscheinungen. Viele wurden wochen- und monatelang davon geplagt und magerten zu Skeletten ab. Dann die mangel
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