Händen nahmen uns vor, rasierten und scherten uns die Haare an sämtlichen Stellen des Körpers ab. Da saßen und standen wir nun in unserer nackten und kahlen Armseligkeit. Gar mancher hockte bedrückt und beschämt in einer Ecke und wartete, bis der Bademeister das Wasser anstellen würde.
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Nachdem wir gebadet hatten, mußten wir im Gänsemarsch an einem Häftling vorbei, der jedem Vorübergehenden eine Hose und eine Jacke aus dünnem, blauweiß gestreiften Drillich zuwarf, sowie ein Hemd, eine Unterhose und ein Paar Strümpfe. Ein anderer drückte mir ein paar Holzschuhe in die Hand. Ob die Sachen groß oder klein, zu eng oder zu weit waren, danach wurde wenig gefragt, es mußte passen. Als wir dann eingekleidet" waren und unsere blauweißen runden Käppis auf dem Kopf hatten, sahen wir, wie man sich vorstellen kann, wie Schießbudenfiguren aus. Ich sehe heute noch meinen Vordermann vor mir, er war bald zwei Meter groß und seine Hose reichte ihm gerade übers Knie, dazu wollte sein breiter Hintern nicht in den zu engen Hosenboden hinein. Der aufsichtführende SS- Mann lachte: ,, Sein Arsch wird sich bald an die Hose anpassen. Dafür werden wir sorgen." Der Mann band den fehlenden Teil der Hose mit Bindfaden zu, den er irgendwo aufgeschnappt hatte. Einer hing in dem Zeug wie in einem viel zu weiten Sack drin, bei dem andern paẞten die Ober- und Unterteile nicht zusammen; es war ein traurig- komischer Anblick. So wurden wir der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber der bittere Ernst ließ uns bald die Lächerlichkeit vergessen. Ein paar Häftlinge mit schwarzen Binden führten uns zur Aufnahmekanzlei, vor der wir, mit dem Gesicht zur Wand, aufgestellt wurden. Dort mußten wir warten, bis wir aufgerufen wurden. Ich stand wohl drei Stunden so, unbeweglich. Wer sich rührte oder durch eine Bewegung auffiel, wurde von einem SS- Wachmann mit dem Gesicht gegen die rauhe Wand gestoßen, daß er blutige Kratzer und Flecken bekam.
Es wurde mir in der langen Wartezeit schwach und schlecht, sterbenselend. Die graue Wand vor mir, die unbequeme Stellung, die Angst vor Mißhandlung, dann die Aufregungen und Martern der zurückliegenden Zeit, das alles wirkte jetzt zu einem Schwächeanfall zusammen. Ich meinte, ohnmächtig zu werden und umzusinken. Aber irgend etwas hielt mich aufrecht. War es Angst oder woher kam mir sonst die Energie, auszuhalten? Seltsam, welche Kräfte der Mensch zuzeiten in sich mobil macht, meist unbewußt, um selbst
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